DIE ZEIT: Herr Geiger, BND-Chef Gerhard Schindler muss gehen. Es heißt, er habe den Laden nicht im Griff. Stimmt das?

Hansjörg Geiger: Derjenige, der 6500 BND-Mitarbeiter "im Griff" hat, muss erst erfunden werden. Gerade ein BND-Chef kann unmöglich wissen, was jeder dieser Mitarbeiter tut. Der Auslandsgeheimdienst ist keine normale Behörde. Er braucht viele Leute, die im Ausland eingesetzt werden und dort mit ihren geheimdienstlichen Möglichkeiten kreativ umgehen.

ZEIT: Kreativ, das heißt: am Rande der Legalität?

Geiger: Nein, aber es kann durchaus passieren, dass jemand die notwendige Kreativität übertreibt und missbraucht. Als Chef können Sie nicht jeden Einsatz im Blick haben, und wenn etwas schiefgeht, erfahren Sie das in der Regel erst, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist und alle "Skandal!" rufen.

ZEIT: Aber diese nicht normale Behörde soll nun ausgerechnet ein ganz normaler Regierungsbeamter führen. Der designierte Präsident, Bruno Kahl, ist Abteilungsleiter im Bundesfinanzministerium und hatte mit Geheimdiensten bislang nichts zu tun. Ist er eine kluge Wahl?

Geiger: Eine so riesige und schwierige Behörde führen zu lernen braucht Zeit. Ich habe das selber erfahren, als ich damals als ein noch unbeschriebenes Blatt zunächst Verfassungsschutzchef wurde, bevor ich zum BND kam. Allerdings sind die Herausforderungen heute ungleich größer: Der BND steckt mitten in einem gewaltigen Umbruch, inhaltlich und organisatorisch. Er soll auf eine neue rechtliche Grundlage gestellt werden, er muss sich für neue Aufgaben rüsten und zieht außerdem von Bayern nach Berlin. Wer als Chef diese Mammutaufgabe annimmt, muss genau wissen, wie man einen derartig komplizierten Apparat lenkt, in dem einige Abteilungen auch gerne mal ein Eigenleben führen. Und er muss ebenso ein grundsätzliches Verständnis für die Herausforderungen eines modernen Auslandsgeheimdienstes haben.

ZEIT: Es gibt Menschen, die Geheimdienste für überflüssig halten. Wofür brauchen wir den BND?

Geiger: Es existieren viele Informationen, die Regierungen nicht offen mitteilen. Die russischen Pläne zur asymmetrischen Kriegsführung auf der Krim und in der Ostukraine etwa gab es nirgendwo zu lesen, ebenso wenig die iranischen Pläne zum Atomwaffenbau. Die Amerikaner konnten mit ihren Satelliten zwar sehen, dass im Iran unterirdische Hohlräume angelegt wurden. Aber man brauchte Mitarbeiter befreundeter Geheimdienste, die mithilfe iranischer Quellen herausfanden, was da unter der Erde wirklich geschah.

ZEIT: Oft aber erfährt man das gerade nicht oder viel zu spät ...

Geiger: Wie gut die Geheimdienste arbeiten, steht auf einem anderen Blatt. Aber seien Sie sicher, sie haben uns schon gute Dienste geleistet und frühzeitig vor schlimmen Gefahren gewarnt. Zum Glück wird das nicht immer an die große Glocke gehängt.

ZEIT: Was kann der BND nicht, was er können müsste?

Geiger: Gut ist er in der Zusammenarbeit mit menschlichen Quellen, was wichtig ist, um zu erfahren, was eine andere Regierung oder eine terroristische Organisation plant und denkt. Doch technologisch ist er ins Hintertreffen geraten. Der BND muss technisch selber in der Lage sein, sich Informationen zu beschaffen und große Datenmengen zu speichern und auszuwerten, ohne dabei auf die Software und die Hardware etwa der Amerikaner angewiesen zu sein. Das schafft unnötige und problematische Abhängigkeiten.

ZEIT: Der Bundesnachrichtendienst kommt nicht aus den Schlagzeilen. Eine der größten Affären der letzten Zeit: Anhand einer Selektorenliste, also bestimmter Suchbegriffe, hörte der BND für den amerikanischen Geheimdienst NSA unsere europäischen Verbündeten ab. Muss der BND nicht endlich stärker kontrolliert werden?