An einem Samstagabend begriff ich, dass Germanwings gar keine Fluggesellschaft ist. Germanwings ist eine Verschwörung, das kann ich bezeugen. Am Tag zuvor, um kurz vor 22 Uhr, war ich von einer Recherche übermüdet auf dem Hamburger Flughafen angekommen und wartete darauf, dass meine Reisetasche auf dem Gepäckband auftauchte. Ich wartete und wartete. Aber nichts. Also lief ich zum Schalter, der für verlorene Gepäckstücke zuständig ist, reihte mich in die Schlange ein und bekam zu hören, dass meine Fluggesellschaft – Germanwings – einen separaten Schalter hat. Dort stellte ich mich wieder in die Schlange, es ging auf 23 Uhr zu. Schließlich erfuhr ich: Meine Tasche war in Wien geblieben, wo ich ins Flugzeug nach Hamburg gestiegen war. "Ihre Tasche ist identifiziert", sagte der Mann am Schalter, ein resoluter Glatzkopf, der für alles eine knappe Erklärung hatte. Er ist bei einer privaten Firma beschäftigt, die sich auf Verlorenes spezialisiert hat. "Morgen wird Ihnen das Gepäckstück nach Hause geliefert, nicht vor Mittag, spätestens am Abend."

Ich brauchte die Tasche unbedingt, weil darin all meine Recherche-Unterlagen steckten. Aber ich blieb gelassen, weil ich zu jenem Zeitpunkt noch glaubte, Germanwings sei ein Spross der alten, zuverlässigen Lufthansa-Familie. Das war ein Irrtum. Germanwings sieht nur aus wie eine Fluglinie, ist aber in Wahrheit eine Verkettung unglücklicher Umstände.

An Bord war ich zunächst noch guter Dinge gewesen. Weil mir beim Einchecken in Kroatien keine Bordkarte für die letzte Flugstrecke Wien–Hamburg ausgestellt werden konnte, löste ich ein kleines Chaos am Gate aus – mit der Folge, dass ich in letzter Minute in die sogenannte Best Class verfrachtet wurde. Best Class, das klingt so ähnlich wie Business Class, dachte ich erfreut. Aber dann stand eine Stewardess mit einem Wagen voller Plastikschalen vor mir und fragte: "Und, wie is’ mit Essen?"

Weil ich bis zum folgenden Abend nichts von meiner Tasche hörte, rief ich die Nummer an, die mir der Glatzkopf für den Notfall gegeben hatte – eine Hotline von Germanwings. Der Mann von der Hotline sagte, er könne nichts sagen, aber es gebe im Hause Spezialisten für Verluste. Er nannte mir eine Nummer, die mit 02203 begann, der Vorwahl von Köln-Porz, dort ist die Zentrale von Germanwings. Unter dieser Nummer meldete sich niemand, nicht am Samstag, nicht am Sonntag. Wenn schon das Hauptquartier tot war, dann war es auch möglich, dass meine Unterlagen für immer verschwunden waren.

In meiner Verzweiflung schrieb ich eine Mail an die Pressestelle von Germanwings mit der dringenden Bitte um kollegiale Hilfe. Geantwortet hat mir niemand, auch am Montag nicht, als ich mich wieder aufmachte, nach meiner Tasche zu fahnden. Inzwischen wäre ich bereit gewesen, nach Köln zu fahren, um meine Unterlagen zu retten, aber dafür hätte ich einen Menschen finden müssen, der mit mir über meine Tasche spricht.

Am Montag hatte die Hotline von Germanwings plötzlich eine weibliche Stimme. Als ich sie fragte, ob mir das Unternehmen bei der Suche helfen könne, erwiderte sie: "Nein, leider nicht." Sie empfahl mir die Internetseite von Worldtracer, auf der ich die Referenznummer meiner verschwundenen Tasche eingeben möge. Das tat ich und las auf dem Bildschirm, die Tasche befinde sich "in der Zustellung". Mir stellte jedoch niemand etwas zu. Die Website gestattete mir noch, der Fluggesellschaft eine Mail zu schicken. Das tat ich. Dass niemand reagierte, wunderte mich nicht mehr.

Beim nächsten Anruf verriet mir die Hotline etwas Kostbares: die Durchwahl des Hamburger Schalters für Gepäckermittlung. Ich dachte schon, ich würde wieder an den Glatzkopf geraten, wurde aber automatisch nach Berlin-Tegel durchgestellt. Berlin-Tegel, erfuhr ich, arbeite für Hamburg telefonisch mit. "Sie sind im Computer", erklärte mir eine Mitarbeiterin aus Berlin, "bitte rufen Sie Interkep an." Interkep ist eine Firma in München, die von Germanwings einen sogenannten Zustellungsauftrag hat. In München hieß es, man müsse einen Kollegen in Hamburg auftreiben, der nach meiner Tasche suchen könne. Daraufhin meldete sich bei mir ein Mann vom Hamburger Flughafen, der behauptete, meine Tasche sei mir gebracht worden, schon vor Tagen. "Das müsste ich doch bemerkt haben", antwortete ich, und der Mann entgegnete: "Okay, wir alle machen Fehler." Er versprach, noch einmal anzurufen, und ich hörte länger nichts von ihm. Er sagte dann noch, er müsse jetzt erst mal ins Büro gehen. Das klang, als hätte ich ihn dazu aufgefordert, persönlich nach Köln-Porz zu wandern.

Ich musste nachdenken. Könnte ich den Artikel auch ohne meine Unterlagen schreiben? Ich stand um fünf Uhr früh auf und machte mir Notizen. Ich versuchte zu rekonstruieren, wo ich während meiner Reise wann gewesen war und wer mir was erzählt hatte. Ich malte ein Diagramm der Recherche, ein kleines Kunstwerk, das ohne Germanwings nie entstanden wäre. Vielleicht irre ich mich, und diese Firma ist gar keine Verschwörung, sondern eine Kunsterziehungsanstalt.

Am Ende bekam ich meine Tasche doch noch zurück – ölbeschmiert, aber komplett. Es stellte sich heraus, dass jemand vergessen hatte, die Zustellung schriftlich in Auftrag zu geben. Meine Tasche hatte tagelang in einer Kammer des Hamburger Flughafens gestanden. Mit den Hotline-Mitarbeitern einigte ich mich auf die Formel, dass Germanwings keine Schuld treffe, sondern einzig und allein den Glatzkopf.