An einem freundlichen Tag im April dieses Jahres wirft Hannelore Kraft ihr leuchtend rotes Jackett über, lässt sich von einem Fahrer nach Duisburg bringen, stellt sich auf eine Bühne und protestiert gegen sich selbst. Der "Stahl-Aktionstag" hat begonnen, überall die roten Fahnen der IG Metall. 15.000 Menschen haben sich vor Tor 1 des ThyssenKrupp-Werkes versammelt, weil sie um ihre Arbeitsplätze fürchten. Hannelore Kraft hat eine Solidaritätsadresse vorbereitet, in der nichts öfter vorkommt als die Wörter "Stahl" und "Zukunft". Eigentlich müsste alles glattlaufen. Sie ist die Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen, Duisburg liegt in Nordrhein-Westfalen. Sie ist Sozialdemokratin, und keine Partei fühlt sich der Stahlindustrie stärker verpflichtet als die SPD. Aber als Krafts Auftritt über die Lautsprecher angekündigt wird, pfeifen viele Arbeiter. An einem Ort wie diesem müsste Hannelore Kraft von Anhängern umgeben sein, aber sie stößt auf Misstrauen. Das Wetter ist bloß ein kleiner Gegner. Kraft blinzelt angestrengt in die Mittagssonne, als sie ihre Rede vorträgt. Die Chinesen sind ihre größten Gegner. Die Chinesen kippen extrem billigen Stahl auf den Weltmarkt, das bringt die europäischen Stahlwerke in gewaltige Schwierigkeiten. In gewisser Weise ist auch Brüssel ein Gegner, weil die Europäische Kommission die Chinesen nicht durch drastische Strafzölle in Schach hält. Und da ist noch ein Gegner, Hannelore Kraft selbst. Als Spitzenpolitikern der SPD billigte sie den Emissionshandel, durch den Fabriken bestraft werden, die viel Kohlendioxid ausstoßen – Stahlwerke beispielsweise. Die Sonne, die Chinesen, Brüssel, die Umweltpolitik der eigenen Partei, da kommt einiges zusammen. Am Ende hat Hannelore Kraft den Arbeitern nichts anzubieten. Sie stemmt sich gegen die eigene Hilflosigkeit.

Die 54-jährige Hannelore Kraft galt einmal als die Merkel der SPD. Noch vor der letzten Bundestagswahl im September 2013 wurde sie als mögliche Kanzlerkandidatin der Zukunft gehandelt – für den Fall, dass Peer Steinbrück am Wahlabend untergeht. Er ging unter, und die Debatte flammte auf, ob nun auch der Parteichef Sigmar Gabriel abtreten müsse. Aber Gabriel blieb, und Hannelore Kraft bot sich nicht als Alternative an. Kraft sagte, sie wolle Chefin der rot-grünen Koalition in Nordrhein-Westfalen bleiben, sie wolle nicht nach Berlin. Sie fürchtete, dasselbe Schicksal wie der ehemalige SPD-Chef Kurt Beck zu erleiden, der als Ministerpräsident in Mainz erfolgreich war, in Berlin aber scheiterte. Nur: Ist Hannelore Kraft erfolgreich?

Vor wenigen Wochen kamen Zahlen des Statistischen Landesamtes heraus, die erschütternd ausfielen. Kein Wirtschaftswachstum in Nordrhein-Westfalen, 0,0 Prozent. Das schlechteste Ergebnis aller 16 Bundesländer, schlechter als in Sachsen-Anhalt. Maschinenbau, Stahl, Energiewirtschaft, die Industrien des Landes stecken in der Krise. Wenn es dem Wirtschaftsland NRW während einer wirtschaftlich starken Zeit in einem wirtschaftlich starken Deutschland nicht gelingt mitzuhalten – wann dann?

Was sich in Nordrhein-Westfalen abspielt, ist ein Drama, das weitreichende Fragen aufwirft. Es geht um den Anspruch an Politik, den öffentlichen Anspruch an sie und den Anspruch von Politik an sich selbst. Es geht um Größenverhältnisse. Man kann Politik größer machen, indem man die Beschränktheit der Mittel zwar akzeptiert, daraus aber den Schluss zieht, sich möglichst oft einzumischen. Man kann Politik aber auch kleiner machen, indem man Ohnmacht reklamiert, wo der Versuch notwendig wäre, sich einzuschalten.

Als Hannelore Kraft im April den Raum der Landespressekonferenz betritt, ist allein dies ein denkwürdiger Vorgang. Die erste Landespressekonferenz in diesem Jahr. Die letzte Zusammenkunft dieser Art fand im Januar 2015 statt. Die Journalisten haben darauf gedrängt, die Runde öfter einzuberufen, aber Kraft stellte sich stur – keine Zeit. Auch nach den Überfällen auf der Kölner Domplatte in der Silvesternacht kam die Konferenz nicht zusammen. Die Debatte um das Versagen der Polizei und des Innenministers Ralf Jäger schaukelte sich hoch, ein Untersuchungsausschuss wurde einberufen, aber Kraft verweigerte sich.

Jetzt sitzt sie vor einer graublauen Wand im Düsseldorfer Landtag, draußen vor den Fenstern fließt der Rhein, und Kraft schaut argwöhnisch in die Runde. Die neuesten Wirtschaftsdaten, sagt sie, seien "nicht gut". Die Zahlen seien für sie "ein Auftrag". Wie der Auftrag aussieht, sagt sie nicht. Woran die Wirtschaft krankt, wolle sie demnächst von Wissenschaftlern erforschen lassen. Die Journalisten stellen Fragen. Wer ist schuld an der Abwanderung der Gentechnik ins Ausland? Die rot-grüne Bürokratie? Kraft windet sich. Die Journalisten bleiben freundlich im Ton, setzen aber mehrmals nach. "Das dürfte Ihnen bekannt sein", erwidert Kraft patzig, wenn ihr eine Frage missfällt. So schmallippig, wie sie reagiert, hat man das Gefühl, sie müsse sich in einem Gerichtssaal wegen unterlassener Hilfeleistung verantworten.