Wenn Menschen die Monate zwischen dem 14. Juni 2015 und dem 24. April 2016 öffentlich als "Leidenszeit" bezeichnen. Schnitt. Wenn ein 41 Sekunden kurzer Trailer auf YouTube fast 23 Millionen Mal angeklickt wird, weil diese 41 Sekunden die Sucht zumindest ein wenig stillen könnten. Schnitt. Wenn die Frage des amerikanischen Präsidenten Barack Obama: "Aber ihr habt nicht Jon Snow umgebracht, oder etwa doch?", weltweit zu einer Nachricht wird. Schnitt. Wenn all dies so ist, dann müssen selbst diejenigen, die Game of Thrones nicht kennen, verstehen, dass eine Fernsehserie mehr sein kann als einfach nur eine Aneinanderreihung von Bewegtbildern.

Am Sonntag vor zwei Wochen war es endlich so weit, die erste Folge der neuen Staffel war zu sehen, zeitgleich in mehr als 150 Ländern. In sozialen Netzwerken wünschten Menschen sich einen "Happy Game of Thrones day!" – als handele es sich um einen Feiertag.

Dass so über eine Fernsehserie gesprochen wird, dass sie eine solche Relevanz hat und ein globales Gespräch eröffnet, dafür ist der Bezahlsender HBO verantwortlich. Die Abkürzung steht für Home Box Office, angelehnt an das englische box office, die Kinokasse, das Unternehmen gehört zum amerikanischen Medienkonzern Time Warner. Anfang der 1970er Jahre als regionaler Fernsehsender gestartet, ist HBO heute der größte Pay-TV-Sender der Welt. 131 Millionen Menschen in 152 Ländern zahlen, um das Programm empfangen zu können. Der Sender nahm damit im vergangenen Jahr 5,6 Milliarden Dollar ein und machte 1,9 Milliarden Dollar Gewinn.

Doch HBO ist mehr als nur ein extrem profitabler Sender. Das Unternehmen ist auch der größte und einflussreichste Player in der Globalisierung des Fernsehens. Das ganze 20. Jahrhundert lang waren es die Studios in Hollywood, die große filmische Erzählungen schufen. Die besten Regisseure arbeiteten dort mit den berühmtesten Schauspielern und den größten Budgets an Epen für die Kinoleinwände der Welt. Doch auf einmal ist Hollywood oftmals nur mehr zweite Wahl, seit auch große Internetkonzerne das Erfolgsrezept von HBO kopieren.

HBO hat die Zukunft des Fernsehens und dessen globale Vermarktung schon betrieben, als es das Internet noch gar nicht gab, und – es ist nicht übertrieben, das so zu sagen – mit Serien wie Sex and the City, The Sopranos und eben Game of Thrones hat HBO ein Stück globaler Kulturgeschichte geschrieben. Internetvideotheken wie Netflix und Amazon haben davon gelernt. Teile ihres Angebots produzieren sie selbst und setzen dabei ebenfalls auf komplexe Serien, die ihre Figuren wie Romanhelden entwickeln.

HBO lässt sich mit einem riesigen Supermarkt vergleichen, wo man am Eingang einen bestimmten Betrag zahlt (in den USA 15 Dollar) und dann so viele Waren – neben den selbst produzierten Sendungen gibt es auch andere Filme, Dokumentationen und Sportveranstaltungen – in seinen Einkaufswagen legen kann, wie man möchte. In Deutschland ist ein Teil des HBO-Angebots über den Bezahlsender Sky zu empfangen, ein Abo mit allem drin kostet monatlich 19,99 Euro. Wer Netflix haben möchte, das etwa die Serien House of Cards und Orange Is the New Black anbietet, muss monatlich 9,99 Euro zahlen, Amazon Video verlangt 7,99 Euro pro Monat.

Kaum ein Kunde wird alle Angebote auf einmal abonnieren, er wird nicht alle Supermärkte betreten. Es geht für die Sender also darum, das beste Angebot zu haben. Deshalb wetteifern sie um die besten Geschichten für ein globales Fernsehpublikum.

Januar dieses Jahres, Pasadena, eine Stadt nördlich von Los Angeles. Die Straßen sind palmengesäumt, wie sich das für Kalifornien gehört. Seine neuen Serien stellt der Sender in einem Luxushotel vor, das auch schon Drehort für den Film Der Krieg des Charlie Wilson war. In Limousinen mit schwarz getönten Scheiben fahren Fernsehkritiker vor, die anschließend über dicke Teppiche mit Ornamentmuster laufen und in klimatisierten Räumen mit Kronleuchtern an den Decken den neuen Stoff anschauen dürfen. Irgendwo auf diesen Teppichkilometern sind auch Richard Plepler und Michael Lombardo unterwegs, der eine ist Chef von HBO, der andere dessen Programmdirektor.