In der Sportlerwelt gilt dieser Ort als mystisch. So schwindelerregend ist er, dass sich der Weltfußballer Lionel Messi bei einem Länderspiel vor zwei Jahren in der Halbzeitpause übergeben musste. Forscher, die sich für die Leistungsfähigkeit des menschlichen Körpers interessieren, kommen hierher für Datenerhebungen. Und Profiathleten aller möglichen Länder zwischen Mexiko und Kenia verpassen sich hier den Schliff, um im Wettkampf einen Tick widerstandsfähiger zu werden. Schließlich ist die wichtigste Messzahl für die Stärke eines Ausdauersportlers dessen maximale Sauerstoffaufnahme. Und dafür sind die Bedingungen kaum irgendwo härter als in La Paz, dem Regierungssitz Boliviens.

Hier, 3.600 Meter über dem Meer, ist die Luft extrem dünn. Wer hier aufwächst, dürfte eine Mordskondition haben. Denn bewegt man sich in dieser sauerstoffarmen Höhenluft, produziert der Körper die für den Sauerstofftransport zuständigen roten Blutkörperchen. Und je mehr Sauerstoff in die Muskeln gelangt, umso länger und intensiver können diese arbeiten, bis sie erschöpft sind.

Für einen Monat bin ich in La Paz. Einen Monat habe ich also Zeit, um mich optimal für den nächsten Marathon vorzubereiten, der mich durch die wesentlich sauerstoffträchtigere deutsche Luft führen wird. Meine Trainingseffekte hier, in der dünnen Luft Boliviens, sollen mich unten auf Meeresspiegelniveau schneller machen. Mehrmals in der Woche jogge ich durch die holprigen, wegen der alten Autos verdieselten Straßen von La Paz, die nicht nur hoch liegen, sondern auch noch reichlich Steigungen haben. La Paz ist in einem Talkessel des bolivianischen Hochlandes angesiedelt, auf den Hängen und auf der Hochebene ringsherum breitet sich die Schwesterstadt El Alto aus, auf sogar gut 4.100 Meter Höhe. Über eine serpentinenartige Schnellstraße ist La Paz mit der Zona Sur verbunden, der Südzone, die unterhalb des Zentrums auf 3.200 Meter Höhe liegt. Meine Laufstrecke beginnt in der Zona Sur und endet oben in El Alto – ein Höhenunterschied von fast einem Kilometer, und das alles auf ohnehin schon schwindelerregender Höhe. Die perfekte Trainingseinheit?

Dieser Text gehört zu ZEIT Doctor – dem neuen Ratgeber, der hilft, gesund zu bleiben.

Was einen daran zweifeln lässt, ist ein bekanntes Kuriosum: Boliviens Athleten gewinnen zwar zuverlässig, solange sie Heimvorteil haben. Aber bis heute hat das Land keinen Läufer hervorgebracht, der auch anderswo auf der Welt siegt. Keine einzige olympische Medaille kann der Andenstaat vorweisen, auch bei den Sommerspielen in Rio in diesem Jahr wird kein Favorit aus Bolivien kommen. Bei Mittel- und Langstreckenläufen dominieren Länder Ostafrikas wie Kenia und Äthiopien, die mindestens tausend Höhenmeter niedriger liegen. Das verwundert, kommen doch ausländische Athleten gerade hierher, um ihre Medaillenchancen zu erhöhen.

Als ich die erste halbe Stunde hinter mir habe, mein Tempo ist langsam eingependelt, kommt mir ein Läufer entgegen. In der ersten Woche war ich zu dieser Zeit schon derart durch den Wind, dass ich die Sportskollegen mit einem norddeutschen "Moin" begrüßte. Mittlerweile halten sich die Schwindelgefühle zurück, noch. Heute will ich in drei Stunden die gesamte Strecke von der Zona Sur hinauf bis El Alto schaffen. Ein herausragender Marathonläufer bin ich nicht, aber ein ganz guter Amateur. Meine Bestzeit liegt bei 3:02 Stunden, wohlbemerkt: errungen in Köln, auf einer Strecke knapp über dem Meeresspiegel.

Langsam geht es den Berg hinauf, rechts neben mir schneidet sich ein steiler Abhang in die Stadt. Die Sonne knallt, aber heiß ist es nicht, 21 Grad. Nach einer knappen Stunde – meine Beine muss ich allmählich schleppen, als hingen schwere Gewichte an ihnen – erreiche ich das Zentrum von La Paz. Ich laufe eine steile Straße hinauf, an den Gehwegen bieten Verkaufsstände Limonade in Plastiktüten an. Als ich mich El Alto nähere, setzen Schwindelgefühle ein. Ein paar Minuten später werden meine Beine klapprig.

Ein Anruf in Süddeutschland aus der Vorwoche schießt mir durch den Kopf. Walter Schmidt war am Apparat, Professor für Sportmedizin und Sportphysiologie an der Uni Bayreuth. Über Jahre hat Schmidt die Effekte von Höhentraining analysiert, auch in Verbindung mit der Höhenkrankheit, bei der der Körper zu viel Blut produziert und das Herz mit dem Pumpen nicht hinterherkommt. Im Ernstfall kann das zum Tode führen.

Marokko - Der Marathon des Sables lockt Extremsportler aus aller Welt In der marokkanischen Sahara bereiten sich Hunderte Läufer auf den Marathon des Sables, eines der härtesten Langstreckenrennen der Welt, vor. Bei bis zu 50 Grad Celsius legen die Teilnehmer 230 Kilometer durch die Wüste zurück.