Tilda Swinton, Tochter von Sir John Swinton of Kimmerghame, entstammt einem schottischen Clan, der seine Ursprünge bis ins Mittelalter zurückverfolgen kann. Die britische Königsfamilie bezeichnete Swinton einmal als einen Haufen neureicher deutscher Emporkömmlinge. Tilda Swinton ist also definitiv keine Tibeterin, und genau deshalb steht sie gerade im Zentrum einer Geschlechter- und Rassendebatte. In der Verfilmung des Marvel-Comics Doctor Strange spielt Swinton eine Figur namens the Ancient One: den in Tibet lebenden Mentor des Superhelden. Eine weiße Frau in der Rolle eines asiatischen Weisen – die Besetzung wurde von den einen als feministischer Coup bejubelt und von den anderen als ein weiterer Fall des sogenannten whitewashing kritisiert. Unbestreitbar gibt es in Hollywood die Tendenz, Stoffe und Figuren "weiß zu waschen" – so wie auch bei der gerade entstehenden Neuverfilmung des Mangas Ghost in the Shell, in der der weiße Superstar Scarlett Johansson die ursprünglich japanische Heldin spielt. Laut C. Robert Cargill, dem Drehbuchautor von Doctor Strange, war die Besetzung von the Ancient One eine No-win-Situation. Hätte man die Rolle mit einem Tibeter besetzt, so Cargill in einem Interview, hätte der Film wegen der politischen Implikation nicht in China laufen können. Hätte ein Chinese oder eine Chinesin die Rolle gespielt, hätte man sich symbolisch auf die Seite der Unterdrücker geschlagen. War die Besetzung mit einer weißen Frau also nur ein feiges Herumschlängeln um die Aporien der Identitätspolitik? Ja, aber egal. Denn zum Glück wird Tilda Swinton, die außerirdische Erscheinung aus Schottland, diese schrecklich irdischen Fragen auf der Leinwand hinwegspielen. "All hail, Tilda! Hail to thee, thane of Swinton!"