DIE ZEIT: Herr Brücker, etwa eine Million Flüchtlinge sind 2015 nach Deutschland gekommen. Sind sie eine Chance für die deutsche Wirtschaft oder ein Problem?

Herbert Brücker: Grundsätzlich gilt: Wenn sie arbeiten, werden wir volkswirtschaftlich von ihnen profitieren.

ZEIT: Was wissen Sie über die Qualifikationen der Flüchtlinge?

Brücker: Noch viel zu wenig, meine Kollegen und ich sind gerade dabei, belastbare Daten zu sammeln. Was wir momentan aus nicht repräsentativen Daten über die Bildung der Flüchtlinge wissen, spricht für eine starke Polarisierung: 36 Prozent haben in ihrer Heimat ein Gymnasium oder eine Hochschule besucht. Unter Flüchtlingen, die gute Chancen haben, in Deutschland zu bleiben, sind es sogar 46 Prozent. Auf der anderen Seite haben rund 30 Prozent gar keine Schule oder nur eine Grundschule besucht. Die Mitte des Qualifikationsspektrums ist dagegen dünn besetzt. Das ist ein eher ungünstiger Befund.

ZEIT: Warum?

Brücker: Es gibt in Deutschland viele Jobs genau in dieser Mitte, etwa für Facharbeiter. Das Bild vom Vorzeige-Syrer im Blaumann, der in einem mittelständischen Unternehmen seine Lehre macht und an der Fräsmaschine steht, das ist oft nicht realistisch. Flüchtlinge, die nur eine Grundschule besucht haben, bringen nicht die Voraussetzung für eine Ausbildung in Deutschland mit. Und die, die an der Uni waren, werden vermutlich eher ihr Studium fortsetzen wollen.

ZEIT: Wie gut stehen die Chancen, dass diese Menschen Arbeit finden?

Brücker: Das können wir für die Flüchtlinge, die jetzt gekommen sind, noch nicht genau sagen. Wir haben aber Daten aus der Vergangenheit. Von den Flüchtlingen, die in den neunziger Jahren vor allem vom Balkan und aus dem Nahen Osten gekommen sind, hatten ein Jahr nach der Ankunft knapp zehn Prozent einen Job. Nach fünf Jahren waren es 50 Prozent. Nach 15 Jahren 70 Prozent – das entspricht ungefähr dem Bevölkerungsdurchschnitt in Deutschland. Die Flüchtlinge finden also Arbeit. Aber das braucht viel Zeit.

ZEIT: Kann man die Flüchtlinge von damals mit den heutigen vergleichen?

Brücker: Das Bildungsniveau der Menschen ähnelt sich, und die Rahmenbedingungen sind heute sogar besser: Die Asylverfahren haben damals länger gedauert, es gab kaum Sprachkurse, die Politik setzte auf Abschreckung statt auf Integration. Auch die Konjunktur war schlechter. Die Flüchtlinge damals haben sich unter schwersten Bedingungen durchgebissen.

ZEIT: Dann wird es diesmal besser?

Brücker: Nicht unbedingt. 2015 sind viel mehr Flüchtlinge auf einmal nach Deutschland gekommen. Sie konkurrieren um dieselben Jobs, vor allem die schlechter qualifizierten.

ZEIT: Wie vermittelt man diese Leute möglichst schnell in eine Ausbildung?

Brücker: Wir müssen uns fragen, ob das überhaupt immer sinnvoll ist. Es gibt viele Flüchtlinge, die wollen lieber schnell arbeiten und Geld verdienen. Oft, weil sie noch Verwandte in der Heimat haben, denen sie was schicken wollen. Oder weil sie sich für die Flucht Geld geliehen haben und jetzt ihre Schulden begleichen müssen. Dagegen ist im Grunde nichts zu sagen. Integration muss nicht heißen, dass jemand eine Handwerkslehre macht oder Medizin studiert. Er kann, wenn er das will, auch kellnern oder im Lager arbeiten.

ZEIT: Gibt es dort überhaupt genug Jobs?

Brücker: Ja, in den vergangenen fünf Jahren sind mehr als eine Million neue Jobs entstanden, für die man keine oder nur eine kurze Ausbildung braucht und die vor allem von Ausländern erledigt werden: für Kellner, nicht examinierte Pflegerinnen, Putzkräfte, Erntehelfer. Ohne die Migranten, die diese Jobs machen, würde unsere Wirtschaft überhaupt nicht funktionieren.

ZEIT: Verdrängen die Flüchtlinge deutsche Arbeitnehmer?

Brücker: Auf lange Sicht nein. Deutsche ziehen sich aus den niedrig qualifizierten Jobs immer mehr zurück. Unser Spargel wird heute in der Regel von ausländischen Erntehelfern gestochen. Ohne Migranten gäbe es weniger Landwirtschaftsbetriebe in Deutschland. Solche Jobs wollen die meisten Deutschen nicht machen. Und viele Langzeitarbeitslose können sie nicht machen, weil sie zu alt sind oder körperliche Probleme haben.

ZEIT: Es braucht also wegen der vielen Zuwanderer niemand Angst um seinen Job haben?

Brücker: Doch, die Migranten, die schon in Deutschland leben. Bei ihnen könnte die Arbeitslosenquote leicht steigen. Flüchtlinge konkurrieren vor allem mit anderen Ausländern, weniger mit deutschen Arbeitnehmern.

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