ZEIT: Haben Sie versucht, den Überblick zu behalten über all das, was in den vergangenen Wochen in Zeitungen und sozialen Netzwerken über Sie erschienen ist?

Böhmermann: Ich habe es versucht, aber es war einfach zu viel.

ZEIT: Haben Sie geahnt, dass Satire in Deutschland eine derartige Wirkung entfalten kann?

Böhmermann: Nein. Aber hätte ich es gewusst, hätte ich meine Satire vorher bei der zuständigen Polizeidienststelle, der Feuerwehr oder wenigstens dem Ordnungsamt angemeldet.

ZEIT: Ihre Absage der Grimme-Preisverleihung am 8. April kommentierten Sie mit den Worten: "Ich fühle mich erschüttert in allem, an das ich je geglaubt habe." Das klingt ernst. Welcher Glaube ist erschüttert worden?

Böhmermann: Der Glaube daran, dass jeder Mensch in Deutschland ein unverhandelbares, unveräußerliches Recht auf gewisse Grundrechte hat: die Freiheit der Kunst und die freie Meinungsäußerung. Ich habe geglaubt, dass es die Aufgabe von Politik ist, für die nötige Freiheit zu sorgen, dass Spaßvögel wie ich in Ruhe und mit Sorgfalt ihren Job machen können. Ich setze inzwischen mehr auf die Justiz als die Politik. Mein Team und ich wollen den Humorstandort Deutschland nach vorne ficken. Es ist dabei nicht meine Aufgabe, Kunst herzustellen, die Angela Merkel oder wer auch immer als angenehm empfindet oder die ihr politisch in den Kram passt. Es ist, im Gegenteil, meine Aufgabe, Fragen zu stellen, Debatten anzustoßen und auf Probleme aufmerksam zu machen. Die Bundeskanzlerin darf nicht wackeln, wenn es um Freiheit und Menschenrechte geht. Doch stattdessen hat sie mich filetiert, einem nervenkranken Despoten zum Tee serviert und einen deutschen Ai Weiwei aus mir gemacht.

ZEIT: Haben Sie das Gedicht eigentlich selbst geschrieben?

Böhmermann: Nein. Quelle: Internet. Aber es geht, wie gesagt, nicht um das Gedicht. Das Gedicht ist nur ein Teil der Nummer und sollte nicht aus dem Zusammenhang gerissen und einzeln betrachtet werden. Und wenn Sie noch einmal ausschließlich nach dem dekontextualisierten Gedicht fragen, poliere ich Ihnen die Fresse, Sie Kackwurst!

😠😠😠Ach so, das geht ja gar nicht, ich beantworte die Fragen ja schriftlich. Glück gehabt ... 😃

ZEIT: Wer war in diese Satire eingeweiht?

Böhmermann: Alle fünfzig Mitarbeiter der Show, zweihundert Zuschauer im Studio, das halbe ZDF, ZDFneo sowieso, mein Kollege Ralf Kabelka, meine Mutter und ich.

ZEIT:Kanzlerin Merkel hat Ihr Gedicht durch ihren Regierungssprecher als "bewusst verletzend" bezeichnet. Stimmen Sie zu?

Böhmermann: Hat die Bundeskanzlerin eigentlich die ganze Nummer gesehen oder nur das zusammengeschnittene Gedicht bei Bild.de? Und wo wir gerade bei ungefragten persönlichen Geschmacksurteilen wären: Ich finde das apfelgrüne Kostümoberteil sowie das lilafarbene Samtsakko der Bundeskanzlerin "bewusst verletzend".

ZEIT: Viele, darunter auch Böhmermann-Fans, fanden Ihre Satire so mittelwitzig. Mit einigen Wochen Abstand beurteilt: Handelt es sich um ein gelungenes Gedicht?

Böhmermann: Ja, denn es reimt sich ganz toll. Nur in der letzten Zeile habe ich kleinere Unregelmäßigkeiten mit dem Versmaß festgestellt. Ich wünschte, man könnte es sich mal irgendwo komplett ansehen.

ZEIT: Wenn ein Pegida-Anhänger dieses Gedicht vorgetragen hätte – gäbe es irgendwen in Deutschland, der das verteidigen würde?

Böhmermann: Jeder, der dieses Gedicht aus dem Zusammenhang nimmt und losgelöst von der ganzen Nummer vorträgt, hat nicht alle Latten am Zaun. Außerdem darf niemand das Schmähgedicht veröffentlichen oder öffentlich aufführen – auch nicht ausschnittsweise – ohne die vorherige schriftliche Genehmigung von mir als Lizenzgeber. Wer das nicht tut, verstößt gegen das Leistungsschutzgesetz.

ZEIT: Gibt es jemanden, der Sie in den vergangenen Wochen besonders enttäuscht hat?

Böhmermann: Der Lieferservice von Rewe.