ZEIT: Haben Sie mitbekommen, wie viel öffentliche Unterstützung Sie erfahren haben – von Kollegen, von Journalisten, von Politikern?

Böhmermann: Ja, natürlich. Ich habe das von meinem Bunker aus verfolgt, und das hat mich sehr gerührt, und das hat auch ernsthaft geholfen. Viele Menschen standen und stehen hinter mir, das ist ein beruhigendes Gefühl. Das, was einen erschüttert, ist, dass man das Vertrauen in ein System verliert, das man immer als gerecht, als sicher empfunden hat. Und dann wächst die Kraft, umso mehr, wenn man realisiert, dass die, die mich und meine Kollegen unterstützen, ja auch Teil "des Systems" sind, dass man sich mal wieder so einig ist, dass die Kunst- und die Meinungsfreiheit ein sehr hohes Gut sind und dass keine Regierung eine Einschränkung dieser Freiheiten aus politischem Opportunismus zulassen darf.

ZEIT: Wollten Sie Präsident Erdoğan beleidigen? Oder ging es Ihnen darum, wie Ihre Sendung nahelegt, anhand einer Beleidigung Erdoğans die Grenzen erlaubter Satire in Deutschland offenzulegen?

Böhmermann: Nein, Präsident Erdoğan zu beleidigen ist mir zu doof. Ich denke, das hat man auch dem reichlich bescheuerten Schmähgedicht angemerkt. Es ging eher um die Illustration einer Beleidigung, die natürlich auch mit plumpen Klischees und Vorurteilen hantiert. Die für mich schmerzhafteste Vorstellung ist wirklich, dass mich jemand wegen dieser Nummer ernsthaft für einen Rassisten oder Türkenfeind halten könnte. Es geht um die Grenzen der Freiheit in Deutschland.

ZEIT: Mit anderen Worten: Haben Sie Ihr Gedicht extra so stereotyp und, ja, fast ein wenig schlampig gehalten, um klarzumachen, dass es Ihnen nicht um die Beleidigung Erdoğans, sondern um eine juristische Grenzauslotung ging?

Böhmermann: Vollkommen korrekt.

ZEIT: Ihr Gedicht hat den Flüchtlingsdeal der Europäischen Union mit der Türkei in Bedrängnis gebracht. Haben Sie das kommen sehen?

Böhmermann: Suggestivfrage, mein lieber Freund, falsch! Der Flüchtlingsdeal der Europäischen Union mit der Türkei hat unter anderem die Bundesregierung in Bedrängnis gebracht. Meine Arbeit hat das nur sichtbar gemacht. Dass die Bundesregierung, statt eine langfristige, menschenwürdige Lösung für die Flüchtlingskrise zu finden, lieber einen fragwürdigen Pakt mit dem türkischen Unrechtsregime eingeht, ist absolut nicht das Problem eines Satirebeitrags.

ZEIT: Sie haben die Kanzlerin Angela Merkel zwischendrin in eine ziemlich unangenehme Lage gebracht. Sie musste abwägen zwischen der Satirefreiheit und der Beziehung zu einer Regierung, die möglicherweise wieder Flüchtlinge sterben lässt. Tat Ihnen die Kanzlerin leid?

Böhmermann: Ganz bestimmt nicht.

ZEIT: Haben Sie die politische Tragweite Ihrer Aktion unterschätzt?

Böhmermann: Ich würde die Aktion jetzt mal nicht so hoch hängen. Ich habe einen rumpeligen, aber komplexen Witz gemacht, mehr isses ja nicht. Und jetzt wird eben im Namen des Volkes verhandelt: Witz gegen Bundesregierung. Ich bin gespannt, wer zuletzt lacht.

ZEIT: Haben Sie eine direkte Botschaft an die Kanzlerin, den Außenminister Frank-Walter Steinmeier oder den Justizminister Heiko Maas?

Böhmermann: Nein, ich habe in den letzten Wochen gute Erfahrungen mit Spiegel- Eilmeldungen gemacht. Für gewöhnlich erfahre ich dadurch, ob sich ein Regierungsvertreter hinter mich stellt, meine Arbeit verurteilt oder sich später bei mir entschuldigt. Das ist zwar menschlich etwas skurril, aber vielleicht ist das dieses Neuland, von dem alle reden.

ZEIT: Wie Spiegel Online berichtete, haben Sie bei Kanzleramtsminister Altmaier um Unterstützung gebeten. War das nicht ein bisschen uncool?

Böhmermann: Wie gesagt, zu den Details der Vorkommnisse in meinem Privatleben möchte ich nichts sagen, nur so viel, diese Nachricht habe ich nicht ohne Not und sicher nicht in einer Situation geschrieben, wo Sie noch daran denken, was jetzt besonders cool rüberkommt. Ich ahnte, dass mein kleiner Pupswitz eine echte diplomatische Krise auslösen könnte, und habe Kanzleramtsminister Altmaier (CDU) am Wochenende nach der Sendung eine Direktnachricht bei Twitter geschrieben, um vor allem darauf aufmerksam zu machen, dass es bei der Nummer eben nicht um das Schmähgedicht geht, sondern dass man den gesamten Kontext betrachten müsse. Das verkürzte Gedicht, das zusammengeschnibbelt zu der Zeit schon im Netz kursierte und allein seine Wirkung entfaltete, hatte eben schon zu unangenehmen Konsequenzen geführt, und ich wollte nicht, dass sich das auf anderen Ebenen fortsetzt. Ich habe danach nichts mehr von Herrn Altmaier gehört. Stattdessen hat am nächsten Tag "der Steffen", so nennen wir ZDF-Mitarbeiter Regierungssprecher Steffen Seibert, verkündet, dass die Bundeskanzlerin das Schmähgedicht "bewusst verletzend" findet und sie dies auch unaufgefordert dem türkischen Ministerpräsidenten mitgeteilt hat. Keine Pointe.🤔