Es ist einige Wochen nach ihrem sehr frühen Auszug aus dem Dschungelcamp: Jenny Elvers, ja, die berühmte Jenny Elvers – Königin des deutschen Boulevards, die Rock-Lupferin aus Detlev Bucks Männerpension, Exfreundin von Heiner Lauterbach, Mutter eines mittlerweile 16-jährigen Sohns mit dem Big Brother-König Alex Jolig, Exfrau des Medienmanagers Goetz Elbertzhagen, Star des Detlev-Buck-Films Knallhart, Lady-Di-Darstellerin und Muse von Christoph Schlingensief im Volksbühnenstück Kaprow City, zuletzt Hauptdarstellerin eines Alkoholsucht-Dramas mit "Lallauftritt" im Fernsehen und öffentlich rezipiertem Entzug in einer Suchtklinik – sie sitzt in den Ledersesseln in der Lobby des Hotels Atlantic in Hamburg und trinkt einen Cappuccino.

Beim Betreten der Atlantic-Halle hat Jenny Elvers, 43 Jahre alt, das hingelegt, was man einen Auftritt nennt, sie wirkt groß, sehr blond, sie hat auffällig lange, wohlgeformte Beine. Sie trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift "Claudia Schiffer" (am Flughafen in Singapur gekauft), schwarze Dior-Stiefel mit Goldschnallen ("super zum Autofahren"), schwarzes Jackett, schwarze Wollmütze, silberne Kreolen-Ohrringe. Wir plaudern uns warm. Ihre dezidiert fröhliche, laute, etwas knallige Art zu sprechen. Dem Reporter zeigt sie jetzt einen nicht verheilten Insektenstich am Bein, den sie sich im Dschungel von Australien zugezogen hat.

In unmittelbare Nähe von Jenny Elvers’ Tisch, keine zwei Meter entfernt, stellt sich nun ein Paar, um die dreißig Jahre alt, sie haben ausgecheckt, halten die Rollkoffer in den Händen. Beide, Frau und Mann, gucken unverwandt die Frau an, die sie aus dem Fernsehen kennen. Sie wollen kein Autogramm, nur einfach dabei sein, wenn Jenny Elvers in der Halle des Hotels Atlantic einen Cappuccino trinkt. Elvers plaudert weiter, dann wendet sie sich an das Paar: "Entschuldigen Sie, kann ich Ihnen irgendwie weiterhelfen? Wenn nicht: Vielleicht halten Sie ein wenig Abstand. Wir unterhalten uns hier gerade." Das Paar trollt sich in Richtung Rezeption. Das muss schon ein anstrengendes Lebens sein, wenn sich nicht nur Paparazzi, sondern auch ganz normale Leute in ihrer Anwesenheit wie Klatschreporter benehmen. Jenny Elvers entschuldigt sich noch einmal: "Das erlebe ich leider öfter."

Wir sind mit Jenny Elvers verabredet, mit ihr zusammen ihren Lieblingsfilm auf DVD anzugucken, den Film ihres Lebens, und beim Filmgucken ins Gespräch über ihr Leben, ihre Karriere, ja vielleicht sogar den Sinn des Lebens zu geraten. Sie hat sich den Film Berlin Calling ausgesucht, das Porträt des Berliner Techno-DJs Paul Kalkbrenner, die Geschichte seiner Kokainsucht, seines Triumphs, seines Niedergangs im Nachtleben und seiner Errettung in einer Drogenklinik, der Film lief 2008 im Kino.

Es ist, natürlich, ein Unterschied, ob man mit einer allseits geachteten deutschen Schauspielerin wie Veronica Ferres oder Claudia Michelsen zum Filmgucken verabredet ist oder mit dem von der Boulevardpresse verfolgten, dem so viel beachteten, verlachten und verachteten Trash-Star Jenny Elvers. Schlagzeilen, mit denen sie in den letzten Monaten in Unterhaltungsblättern auftauchte, lauteten: Alkohol-Streit im Dschungel (Bild am Sonntag), Jenny kneift bei Penis-Prüfung (Bild), Jenny geht auf ihren Ex los (Bild), Dschungel-Diät: Jenny wiegt nur noch 46 Kilo (News Aktuell) und Sorgen um Jenny: Warum sieht sie so verändert aus? (Bunte). Das Gespräch mit einem Boulevard-Star bedeutet immer, mit einem seelisch malträtierten Menschen umzugehen, mit einem Verletzten und einem Suchtkranken, es verlangt auch: den besonders feinfühligen und nachsichtigen Umgang mit den Unsicherheiten und den Gepanzertheiten, die das Dauerfeuer der Klatschpresse bei einem Menschen auslöst.

Umzug in Zimmer 212 im zweiten Stock des Hotels. Auf dem Couchtisch liegt ein Gruß der Hotelleitung: ein Schiefertablett mit drei Macarons, garniert mit dem mit weißem Puderzucker gemalten Schriftzug "Hamburg". Freude und Gelächter über die so offensichtliche Kokain-Anmutung des Hotel-Präsents. Der Fotograf verlangt nun, dass sich Jenny Elvers und der Reporter nebeneinander auf das Hotelbett legen, Kissen im Rücken, Fernbedienung in der Hand. Wie ist es, neben Jenny Elvers auf einem Hotelbett zu liegen? Es ist natürlich voll okay.