Nicht allen Verwandten von Krähe, Elster und Co. sieht man gleich an, dass sie zum Verein gehören. Sie müssen nicht die schwarze oder schwarz-weiße Clubjacke tragen. Sie können sich auch bunt gewanden, aber nur der Mensch lässt sich vom Eichelhäher täuschen, die anderen Vögel wissen sehr wohl Bescheid. Man hat den leuchtend blauen Spiegel auf dem altrosa Waffenrock noch nicht gesehen, da hört man die Vögel schon schimpfen, es ist ein Hassgezeter, das den Eierdieb zuverlässig anzeigt.

Die Fachsprache sagt tatsächlich "hassen", aber mit der Präposition "auf". Die Vögel "hassen auf" den Eichelhäher, der sich aber dadurch nicht vertreiben lässt; im Gegenteil. Das Hassen der Vögel zeigt ihm, lässt ihn wenigstens vermuten, dass es etwas zu holen gibt; und wenn Frequenz und Lautstärke bei Annäherung noch zunehmen, dann hat er meistens richtig vermutet: Heureka, ein Nest! Leider ist es mit den Hassgesängen auf den Eichelhäher wie mit den "Heiß"- und "Kalt"-Rufen im Kinderversteckspiel, sie weisen den Weg. – So viel zu dysfunktionalen Verteidigungsstrategien im Tierreich. In der Welt der menschlichen Politik sind sie häufiger. Wehe den Alarmrufern, die dem intelligenten Gegner erst zeigen, wo es wirklich schmerzt!

Rabenvögel wie der Eichelhäher gehören zu den intelligentesten Tieren überhaupt; man sortiert ihre kognitiven und kommunikativen Fähigkeiten knapp unter die der Menschenaffen ein. Es ist sicher kein Zufall, dass ihr Geist zu einer gewissen Rastlosigkeit neigt. Wenn sie nicht mit Nahrungssuche, Nahrungsbevorratung (sie sind die besten Verstecker und Wiederfinder überhaupt), mit Brut- und Beziehungspflege (sie neigen zur lebenslangen Ehe) oder anders Nützlichem beschäftigt sind, gehen sie umgehend zum Unnützen über. Sie spielen. Elstern haben ihren schlechten Ruf auch daher, dass sie sich gerne Dinge besorgen, die man nicht essen, mit denen man aber prima das Verstecken und Wiederfinden üben kann. Besonders schön alles Glänzende und Glitzernde. Blätter und Laub drüber: Glitzern weg. Blätter weggezupft: Glitzern wieder da.

Raben, echte Kolkraben mit ihrer tiefen Stimme, können wunderbar Hundegebell nachahmen, um damit zu erschrecken oder einfach nur ein bisschen Randale zu machen. Sie können auch genauso wie Dohlen menschliche Laute lernen und sogar bei der passenden Gelegenheit artikulieren, zur Begrüßung beispielsweise. Dohlen waren der erste wissenschaftliche Untersuchungsgegenstand des jungen Konrad Lorenz, und wenn es ein Tierbuch gibt, das mit wirklicher Rührung von intelligenten Menschen gelesen werden kann, dann ist es das unsterbliche Gute Nacht, Jakob von Hans G. Bentz, das die Freundschaft eines Menschenjungen mit einer Dohle schildert, eine echte Freundschaft, nämlich eine gegenseitige.

Das zu behaupten ist kein sentimentaler Humbug. Dohlen wie viele andere Rabenvögel können nicht nur andere Individuen identifizieren, sie können sich auch selbst als Individuen erkennen. Das ist mit ausgetüftelten Spiegel-Experimenten nachgewiesen; man könnte es aber auch in der umstrittenen Lorenzschen Methode einfach aus Beobachtung deduzieren. Dohlen können sich leicht auf einen Menschen "prägen", den sie dann durch sorgfältige und liebevolle Zuwendung wiederum an sich zu binden trachten. Eifersüchtig werden sie auch, und zwar bei Weitem rabiater als jede Katze.

Und wie groß muss man sich eine solche Dohle vorstellen, die schlimmste Ehefrau von allen? Nun, kaum taubengroß – aber ein Titan in der Welt der Beziehungen. Wem dieses Wunder nicht die Tränen ins Auge schießen lässt, hat überhaupt kein Herz.

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