Nie ist eine Frau so betörend aus einem Pool gestiegen wie Romy Schneider 1969 in La Piscine von Jacques Deray. Nie rekelte sich ein Mann so lasziv in einem Liegestuhl wie Alain Delon in diesem Film. Sie steht am Beckenrand, biegt sich für einen Moment nach hinten, hält das Gesicht in die grelle Sonne der Côte d’Azur und legt sich bäuchlings vor Alain Delon. Er wird ihr den Rücken eincremen. Zuvor öffnet er den Verschluss ihres Bikini-Oberteils, und Romy Schneider sagt: "Niemand macht das so wie du."

Vielleicht wäre die Anzüglichkeit des Satzes eine Spur weniger atemberaubend, wenn er nicht in eine Szene fiele, in der auch alles andere, jeder flüchtige Blick, jede träge Bewegung, von den Vibrationen erotischer Andeutung lebt. Alain Delon cremt Romy Schneiders Rücken ein. Und dann? Ein knappes halbes Jahrhundert später macht das Remake, inszeniert von dem Italiener Luca Guadagnino, aus der Andeutung eine nackte Tatsache. A Bigger Splash setzt an die Drehbuchstelle, in der Romy Schneider 1969 ihren unvergesslichen Satz sagte, eine Sexszene im Pool. Das ist durchaus folgerichtig, film- und kulturgeschichtlich konsequent – wenn auch eher geheimnislos.

Den Part von Romy Schneider spielt Tilda Swinton, gleichfalls eine ikonische Schauspielerin. Sie hat, wie die anderen drei Hauptfiguren, Paul, Harry und Penelope, den gleichen Rollennamen, Marianne. Auch die Geschichte von A Bigger Splash hält sich ziemlich genau an die Vorlage, bis auf einige klug gewählte Abweichungen. Die Villa, in die sich das Paar Marianne und Paul (Matthias Schoenaerts) für ein paar Sommerwochen zurückgezogen hat, befindet sich nicht im Hinterland von Saint-Tropez, sondern auf Pantelleria. Das ist die südlichste Insel Italiens, zwischen Sizilien und Tunesien gelegen. Ihre Küsten sind vulkanisch schroff. Kein Ort für den großen Tourismus. Aber einer für jene wirklich Reichen und Schönen, deren Ferienbesitz keine paparazzibekannte Adresse hat und deren Anwesenheit sich nur aus dem Rotorengeräusch von Helikoptern erschließen lässt. In den Urlaubsfrieden von Marianne und Paul bricht Überraschungsbesuch ein: Harry (Ralph Fiennes), Mariannes früherer Geliebter, stöbert das Paar auf und bringt noch seine Tochter mit, die 17-jährige Penelope (Dakota Johnson). Aus der Idylle zu zweit wird ein Psychokrieg zu viert, mit allem Drum und Dran: Eifersucht, Ego-Neurosen und Macho-Rivalität, alte offene Rechnungen und neue Begehrlichkeiten im Muster der Wahlverwandtschaften. Zwischen Marianne und Harry flammt das erkaltete Feuer auf. Paul ergibt sich Penelopes Lolita-Reizen. Die Villa wird zum Partygelände, Alkoholkonsum und emotionale Vergiftung schaukeln sich gegenseitig hoch. Am Ende liegt, das war auch in La Piscine so, ein Toter im Pool.

Allerdings sind die italienischen Polizisten um einiges desinteressierter an der Aufklärung des Vorfalls, als es ihre französischen Kollegen 1969 waren. Sie haben auch andere Probleme. In der Nacht zuvor ertranken sieben afrikanische Flüchtlinge vor der Küste Pantellerias. Neben dem Polizeirevier der Insel wird ein provisorisches Flüchtlingslager errichtet. Fast teilnahmslos streift A Bigger Splash die humanitäre Tragödie aktueller Weltpolitik. Auch das ist konsequent. Die Story der Luxusmenschen aus der Rockmusik- und Kunstbranche spielt sich topografisch auf der gleichen Insel ab, mental aber auf einem anderen Stern. Bei einem Spaziergang stehen Paul und Penelope plötzlich ein paar abgerissenen, arabisch sprechenden Männern gegenüber. Man starrt sich stumm an, geht schleunigst seiner Wege. Im Bild der Nichtbegegnung könnte mehr politische Wahrheit liegen als in so mancher rührend Anteil nehmenden Dokumentation. Richtig engagiert ist der Inselkommissar nur einmal: Er möchte unbedingt ein Autogramm von der berühmten Rocksängerin Marianne und strahlt vor Glück, als sie es in strömendem Regen auf eine CD-Hülle kritzelt.

Der filmische Code von A Bigger Splash heißt Exzentrik. Der laute Soundtrack (mit Stücken und Coverversionen der Rolling Stones), der schnelle Schnitt, die oft ruhelose Kamera, Mariannes riesige Sonnenbrille mit den metallfarbenen Gläsern, die abrupten Rückblenden auf ihre Stadionauftritte, die Nahaufnahmen ausgeweideter Fische, Harrys abgedrehte Tanznummer, in der Ralph Fiennes zur Spitzenform aufläuft: Jede Sequenz, jedes Element zehrt von der Attraktion heftiger Verausgabung und greller Vergrößerung. Oft schaut die Kamera, was an die Fotografie Helmut Newtons erinnert, zu den Personen wie zu Statuen auf. Und in jeder Minute ist die Leinwand große Bühne für große Schauspielkunst. Tilda Swinton brilliert als Marianne, die sich auf Pantelleria von einer Stimmbandoperation erholt, in einer Spezialaufgabe: Sie darf nicht sprechen. Manchmal haucht oder flüstert sie. Alles andere drückt sie mit Blicken und Gesten aus.

Mit der plausiblen Entscheidung, die Geschichte von La Piscine nachzuerzählen, aber den andeutenden Chansonstil von Jacques Deray durch expressiven Rockstil zu ersetzen, handelt sich Luca Guadagnino allerdings ein dramaturgisches Manko ein. In der zweiten Hälfte hat A Bigger Splash etwas wenig zu bieten. In der ersten wird schon reichlich Pulver verschossen. Ein Film, der mit Sex im Pool loslegt, kann eben Steigerungsprobleme haben. Dass er nicht das geringste Geheimnis besitzt, muss man ihm aber nicht unbedingt vorwerfen. So sind wir nun mal; optisch attraktive, ziemlich überdrehte Gestalten. Interessant anzuschauen, betörend weniger.

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