Liebe Maria,

drei Jahre jünger als ich warst Du. Und mir im Ehrgeiz doch gleich, die Beine an der Ballettstange noch höher, noch eleganter, noch müheloser in die Luft zu heben. Damals, 1991, Tanz-AG in Bad Berleburg, ich war sechzehn und beneidete Dich um Deine Anmut. Und Du sehntest umgekehrt die Erlaubnis herbei, endlich auch wie ich bis 22 Uhr ausgehen zu dürfen. Vereint waren wir im Streben nach körperlicher Perfektion, diesem Ehrgeiz, der der Kunstform Tanz so wesentlich ist.

Das Band zwischen uns hielt unseren unterschiedlichen Lebensläufen aber erst einmal nicht stand. Unsere Wege drifteten zunächst weit auseinander, ich ging nach Köln, Du bald nach Hamburg. Du wurdest Schauspielerin, ich Moderatorin. Jahre später aber fanden wir erneut zusammen. Vom Leben mittlerweile mitgenommene Füßchen beim Relevé in abgewetzten Spitzenschuhen. Nun sind wir wieder nah beieinander. Daran ändern auch Zürich (Du) und Berlin (ich) nichts.

Es ist Deine Herzensweisheit, die mich sprachlos macht und so berührt. Du hältst mir den Spiegel vor. Liebevoll und gleichzeitig gnadenlos. Nie gekannte, wahrhaft unverblümte Ehrlichkeit. Du sagst mir nicht aus Bequemlichkeit, was ich hören will. Sondern das, was Du fühlst und denkst – über mich und meine Lage. Auch wenn Du weißt, dass ich das vielleicht nicht mag. Das Annehmen fällt mir nicht immer leicht. Aber ich weiß, dass alles, was Du mir an Kurskorrektur mit auf den Weg gibst, mit Liebe buchstabiert wird. Du verurteilst oder bewertest nicht. Weder mich noch andere. Du jammerst nicht mit mir oder trägst an meiner statt nach. Weil Du weder mein Bestes noch mein Schlechtestes im Auge hast. Du willst nur echt sein für mich. Damit schenkst Du mir eine Art bestmögliches Neutrum. Als Freundin, die eigentlich niemals neutral sein kann und will. Wie kostbar das ist. Wie oft Du mir durch Deine Perspektive Ferngläser eingestellt hast! Du erfindest Himmelsrichtungen neu, um dieselbe Sache noch mal anders zu betrachten. Plötzlich schwindet dann die Verletzung. Plötzlich fühle ich mich nicht mehr winzig, sondern größer als die Sache. Oder als der Mensch, um den es ging.

Du bist drei Jahre jünger und heute drei Zentimeter größer als ich. Die Körper bewegen sich mit Meilenschritten auf die Unvollkommenheit zu. Du trainierst die geistige Perfektion. Und bist so nah dran.

Für diese Deine Größe bewundere und liebe ich Dich. Sehr.

Miriam Pielhau, 40, ist Moderatorin. Zuletzt schrieb sie ein Buch über Krebs, "Dr. Hoffnung"