Die Computer von Amazon können fast alles. In den Hallen seines Logistikzentrums in Brieselang schicken die Rechner Mitarbeiter mit Handscannern zu Regalfächern, sie lenken die dort eingesammelten Waren auf Fließbänder, sie ordnen ihnen passende Kartons zu, und sie kennen die Ziele der bis zu 300.000 Artikel, die das Lager Tag für Tag verlassen. Aber manchmal, ganz selten, machen auch die Rechner einen Fehler. Dann steckt zum Beispiel in einer Verpackung mit iPhone-Aufkleber ein Samsung-Handy. Wenn so ein Paket verschickt wird, dann ist das IT-System von Amazon zwar zufrieden – aber dem Empfänger kann der Ärger darüber den Tag verderben. Um solche Fehler zu verhindern, rät deswegen ein großer Bildschirm den Amazon-Mitarbeitern: "Scannerblick machen."

Der Scannerblick der Wareneinsammler ist einer der letzten Belege im Lager des Konzerns dafür, dass die menschliche Intelligenz der digitalen überlegen sein kann. Sonst haben Algorithmen und Datenbanken alles im Griff: die Bestände, die Mitarbeiterlaufwege und die Transportzeit bis zum "Outbound Dock", wo die Lastwagen von Paketdiensten vollgeladen losrasen.

Amazon ist eine Effizienzmaschine, gegen die behäbige Versandhändler wie Neckermann nur verlieren konnten. Bislang spuckte die Maschine Tausende und Abertausende Bestellungen am Outbound Dock einfach nur aus, es übernahmen die Paketdienste DHL, Hermes oder DPD. Doch nun greift Amazon selbst nach dem Geschäft mit dem Versand von jährlich 2,8 Milliarden Paketen, das laut dem Bundesverband Paket & Express Logistik bis 2019 auf 3,8 Milliarden wachsen dürfte. Schon jetzt birgt jedes siebte Paket an einen privaten Empfänger Schätzungen zufolge eine Amazon-Bestellung. Fast im Wochentakt macht der größte Onlinehändler der Welt Schlagzeilen mit seinen Plänen: Er least 20 Flugzeuge (ein Angriff auf Transporteure wie UPS), baut Paketstationen auf, an denen Kunden Pakete abholen können (ein Angriff auf DHL), und nährt Gerüchte über ein eigenes, weltumspannendes Liefernetz, um Waren von chinesischen Fabriken zu amerikanischen Käufern zu transportieren (Projekt "Dragon Boat").

Besonders in Deutschland verschärft Amazon mit seinen Plänen einen regelrechten Lieferkrieg, in dem der Marktführer DHL und dessen größte Wettbewerber Hermes und DPD sich bisher vor allem über die Preise bekämpft haben, weil Empfängern und Versendern lange relativ egal war, wer ein Paket transportiert. In dieser Schlacht liefert die Digitalisierung die neuen Waffen der Kontrahenten: Algorithmen, die Waren lenken; Apps für Smartphones der Empfänger; Online-Plattformen, die Besteller mit Zustellern vernetzen; Technologien wie Datenbrillen, die Mitarbeitern in einem Pilotprojekt von DHL den Weg zur Ware zeigen; Drohnen und Roboter, die Menschen ganz ersetzen können. Der digitale Umbruch lässt auch junge Firmen in diesen Wettstreit eingreifen: Magazino aus München etwa, das seine Regalroboter kürzlich Frank Appel präsentierte, dem Chef der Deutschen Post. Die Grenzen zwischen Konzernen und Start-up-Welt werden durchlässig.

Für Amazon ist Deutschland dabei nicht nur Schlachtfeld, sondern Konzernlabor zur Erforschung der Zukunft: Das Straßen- und Schienennetz macht Lieferungen überall und in kurzer Zeit möglich, die Verbraucher sind es gewohnt, Post am nächsten Tag zu kriegen, 98 Prozent der deutschen Internetnutzer kaufen dem Branchenverband Bitkom zufolge im Netz ein, drei von vier sogar mehrmals im Monat. "Was sich hier bewährt, das bewährt sich überall", sagt Amazon-Logistikchef Roy Perticucci. Geringe Margen schrecken ihn nicht. Auch im Einzelhandel verfolgt sein Unternehmen eine einfache Strategie: Sei schneller und billiger als alle anderen, Gewinne kannst du später einfahren.

Die Logistiker wollen es zum Erlebnis machen, ein Paket zu bekommen

Wie ernst es Amazon ist, zeigt ein Ende 2015 eröffnetes Verteilzentrum in Olching bei München. Von dort aus lässt Amazon Waren durch bis zu 240 Zusteller ausliefern, Algorithmen berechnen die Routen. Ein ähnliches Angebot soll Gerüchten zufolge im Mai in Berlin starten. Die Anstrengungen richten sich vor allem auf einen Service, an dem die etablierten Anbieter bisher gescheitert sind: die Lieferung noch am Tag der Bestellung, gegen Aufpreis sogar in ein oder zwei Stunden. Es ist die nächste Eskalationsstufe im Logistikkrieg, und sie hört auf das Modewort Same-Day-Delivery. "Wer Amazon kennt, der weiß, dass DHL und Co. sich große Sorgen machen müssen", sagt Christian Lüdtke vom Berliner Unternehmen Etventure, das Logistiker bei der Digitalisierung berät.

Dabei wehren die sich schon. Sie bauen Verteilzentren voller Fließbänder und Scanner, die Pakete in Minuten durchschleusen. Und sie entwickeln Apps, um die Zustellung eines Pakets für Privatkunden zu einem Erlebnis zu machen.

Es ist 8.17 Uhr, und der Wind pfeift kalt ins Depot 163 von DPD in Aschaffenburg, als Andreas Duckhorn, rote DPD-Kappe, breites Kreuz, eine Taste auf dem kleinen Computer in seiner linken Hand drückt und eine Flut von SMS und E-Mails auslöst. Sie teilen 125 Menschen im Örtchen Niedernberg mit, wann Duckhorn ihnen an diesem Tag ein Paket überbringen wird, auf die Stunde genau.

Paketdienst - So arbeitet die DHL-Lieferdrohne Amazon und DHL testen seit einiger Zeit Lieferdrohnen. Ein Testlauf in Bayern galt einer Drohne, die vollautomatisch be- und entladen wird.