Im Mai vergangenen Jahres hatte ich eine Begegnung der besonderen Art. Ich war von Berlin nach Wien geflogen, um mir zum ersten Mal die Stadt anzusehen. Während ich durch die Straßen flanierte, überlegte ich, wen ich hier kannte, wen ich treffen könnte, wer kurzfristig Zeit hätte und mit mir in einem dieser wunderbaren Kaffeehäuser einen Kaffee trinken würde. Ein Buch, das mich kurz zuvor extrem beeindruckt hatte, war Wer ist Martha? von Marjana Gaponenko. Darin geht es um einen sehr alten Mann, der, um möglichst stilvoll zu sterben, in ein mondänes Wiener Hotel zieht, ins Hotel Imperial. Anstatt aber zu sterben, freundet er sich dort mit einem anderen alten Mann an. Der eine hat Lungenkrebs, der andere eine Plastiknase. Beide versetzt die Begegnung in einen Sprachrausch. Trotzdem können sie sich nicht leiden: " ›Ich mag Sie‹, keucht er, an eine Säule gelehnt, ›ich mag Sie, Herr Lewadski, obwohl Sie einen miesen Charakter haben.‹ "

Aus dieser ambivalenten Beziehung entwickelt Marjana Gaponenko großartige Dialoge, die mal an Statler und Waldorf aus der Muppet Show, mal an Loriot erinnern ("Sie haben Dill zwischen den Zähnen!" – "Sie auch!") und so genau protokolliert sind, dass man das Gefühl hat, bei den Gesprächen live dabei zu sein; nichts wirkt ausgedacht, sondern alles abgeschaut und abgehört. Marjana Gaponenkos Prosa ist voller Gefühl, prächtig und schillernd, bisweilen auch hochtrabend, aber nie zaghaft. Und ihre Metaphern sind immer ungewöhnlich: Gerahmte Fotos, die schief an der Wand hängen, verneigen sich voreinander "wie zwei rheumabefallene Holzfäller". Lewadski verlässt seine Wohnung "wie eine Ehefrau, die er nie gehabt hat". Eine Unterhaltung verebbt "wie eine Kastanie in einem spiegelnden Teich". Gaponenko verwendet Wörter wie "Lorgnon", "Kristalllüster", "Perron" so selbstverständlich, als wehten sie direkt aus der Vergangenheit zu uns herüber, ohne, und das ist das Erstaunliche, im zeitgenössischen Kontext altmodisch zu wirken. Andere Geschichten von ihr sind ganz ähnlich gelagert. In ihnen kommen nachtblaue Kutschen und Kriegsversehrte vor, "Stalins Samoware", Menschen ohne Arme oder Beine – und Wien, Wien als Weltstadt, als Hauptstadt Österreich-Ungarns, als Zentrum Europas. Beim Lesen musste ich ständig an den Film Grand Budapest Hotel denken. Marjana Gaponenkos Texte funktionieren nämlich genauso wie Wes Andersons Bildsprache: Sie sind sowohl eine Imitation einer weit zurückliegenden Erzähltradition als auch deren ins Absurde ausgreifende Überhöhung.

Als ich also durch das frühsommerliche Wien spazierte und diese große Schriftstellersehnsucht verspürte, dachte ich an einen Satz aus Der Fänger im Roggen: "Was mich richtig umhaut, sind Bücher, bei denen man sich wünscht, wenn man es ganz ausgelesen hat, der Autor, der es geschrieben hat, wäre irrsinnig mit einem befreundet und man könnte ihn jederzeit, wenn man Lust hat, anrufen." Ich bin nicht irrsinnig mit Marjana Gaponenko befreundet. Ich bin überhaupt nicht mit ihr befreundet. Ich hatte nur ihre E-Mail-Adresse. Also schrieb ich ihr, und sie sagte zu. Wir verabredeten uns für den Nachmittag auf eine Melange im Café Prückel.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 20 vom 4.5.2016.

Unterwegs googelte ich sie: 1981 in Odessa geboren, mit 19 Jahren in den Westen gezogen, nach Schöppingen im Münsterland, und gleich nach ihrer Ankunft einen ersten Gedichtband auf Deutsch veröffentlicht: Wie tränenlose Ritter. Dann: Köln, Krakau, Dublin, Mainz. Gedichtbände, Kinderbücher, Erzählungen, Romane, Theaterstücke. Ich hatte nur ein paar alte Fotos von ihr im Internet gesehen, aber als ich mich draußen unter den weiten Markisen umschaute, wusste ich gleich, dass sie es war: dichte, lange, lockige schwarze Haare, roter Lippenstift, goldene Jacke mit Hirschhornknöpfen, grüne Kette, schwarzes Spitzenkleid, hochhackige Schuhe, violette Fingernägel. Mit Jeans und Hemd und Baseballkappe kam ich mir in ihrer Gegenwart ziemlich underdressed vor.

Sie war erstaunt, als ich sagte, ich sei noch nie in Wien gewesen

Ihr Äußeres schien mir keine Verkleidung zu sein, sondern ein modisches Äquivalent ihrer literarischen Ästhetik: Ausdruck eines aristokratischen Habitus, der die Welt ganz selbstverständlich als Bühne begreift. Dabei entstammt sie selbst wenig wohlhabenden Verhältnissen, Mutter Filmemacherin, Vater Balletttänzer. Boheme statt Bourgeoisie. Bei ihrem Anblick fiel mir ein Satz ein, den ich in ihrem mit Brief an einen Dichter am Anfang des XXI. Jahrhunderts überschriebenen Manifest gelesen hatte: "Eine Portion gesunden Größenwahns ist die Basisspirituose im Cocktail der Poesie."

Wir schauten auf die Straße, auf den Verkehr vor uns, und sprachen über das Stadtleben, die Gegenwartsliteratur und die Situation in der Ukraine, ihrer Heimat. Ich lauschte dem Klang ihrer Worte, einer altmodisch anmutenden Sprachfärbung mit leicht verschobener Syntax, und dachte, dass nicht nur ihre Geschichten aus der Zeit gefallen waren, sondern sie selbst auch.