Der Mann, der das Ich in den deutschen Journalismus gebracht hat, versucht, sein eigenes Ich beiseitezuschieben. Markus Peichl überlegt, wo er sich zu Hause fühlt. "Da muss ich aufpassen, dass ich nichts Falsches sage", leitet er seine Antwort ein, er will es allen recht machen. Seine Familie erwarte, dass er seine Heimatstadt Wien nenne, sein Lebensgefährte würde den Potsdamer Ortsteil Sacrow vorschlagen, seine Freunde Hamburg oder Berlin. Er windet sich, dann zitiert er Helmut Qualtinger, dass der Wiener es in Wien nicht aushalte und woanders auch nicht. "Deswegen gilt: Ich halte es überall, wo ich gerade bin, sehr gerne nicht aus."

Für eine solche Diplomatie ist Markus Peichl weniger bekannt als für seine Ideen, mit denen er die Presselandschaft verändert hat. Sein Schaffen fing in Österreich an, als er beim Wiener erst Redakteur, dann aber schnell Chefredakteur wurde. Das Monatsmagazin, 1979 im Umfeld einiger hipper Werbeprofis gegründet, vereinigte die unterschiedlichsten Lifestyle-Segmente mit unkonventionellen Reportagen und eigenwilligen Meinungselementen und diente einer jungen, urbanen Medienavantgarde als Tribüne. Ein neues Genre war geboren: das Zeitgeist-Journal.

Dieselbe Idee wollte Peichl dann in Deutschland umsetzen und brachte 1986 das Magazin Tempo heraus, die papierne Version des Jugendgefühls der 1980er Jahre. Seine Autoren schrieben nicht als objektive Beobachter, sie waren Teil des Geschehens, sogar dessen Mittelpunkt. Was denke ich, wie fühle ich mich, und was mache ich hier überhaupt? Von den etablierten Zeitungen wurde die Zeitschrift belächelt. Aber die vielen ehemaligen Journalisten, die unter Peichl ihren Stil fanden, zeugen von ihren Nachwirkungen auf den Journalismus: etwa die Autoren Christian Kracht und Maxim Biller oder Claudius Seidl, Ressortchef des Feuilletons der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, Andrian Kreye, Feuilletonchef der Süddeutschen Zeitung.

Damals wollten sie immer mit den besten jungen Autoren arbeiten, erzählt Lo Breier, der als Art-Direktor von Wien mit nach Hamburg gekommen war. "Wir haben dann natürlich immer etwas großspurig gesagt, was für ein tolles Blatt wir machen", aber sie hätten es dann tatsächlich ja auch geschafft, dass die vielversprechendsten Journalisten für Tempo schrieben.

Genauso wie seine Autoren setzte sich Markus Peichl selbst häufig in Szene, polterte über den verstaubten Journalismus der anderen Magazine, lästerte über das "blödgefressene Wirtschaftswunderland" und warf den Achtundsechzigern vor, sie hätten die Gesellschaft kein bisschen verändert.

Jetzt, mit 57 Jahren, empfängt Markus Peichl in einem Büro hinter den Ausstellungsräumen der Galerie Crone in der Rudi-Dutschke-Straße in Berlin-Kreuzberg. Er ist klassisch gekleidet, mit Hemd und Sakko; der Raum ist klein, pragmatisch eingerichtet und damit alles andere als der Mittelpunkt dieser Galerie. Er habe mittlerweile nicht mehr das Bedürfnis, seine Eitelkeit befriedigen zu müssen, sagt Peichl.

Es wäre verkürzt, Markus Peichl mit einem einzigen Beruf zu beschreiben. Die meiste Zeit arbeitet er mittlerweile als Galerist, aber er ist auch noch Produzent für Werbefilme, etwa für die ZEIT, er ist Medienkritiker, Ausrichter des Lead Award, eines der bedeutendsten Print- und Onlinepreise in Deutschland, arbeitet als Politikberater und engagiert sich gegen die geplanten An- und Abflugrouten des neuen Flughafens BER.

Die Galerie liegt gleich am ehemaligen Übergang Checkpoint Charlie. Hier fühlt sich der Bezirk weniger nach Revolution und Erster-Mai-Demo an, hier sind teure Restaurants und viele Touristen. Markus Peichl betreut Künstler wie Ruprecht von Kaufmann und Norbert Bisky, verkauft Werke von Andy Warhol und Erez Israeli.

So weit, so vernünftig. Zunächst erinnert nur die Diät-Cola, die Markus Peichl aus einer Biertulpe trinkt, an die Tempo-Zeit. Damals konnte es in der Redaktion nicht genug davon geben. Coca-Cola passte zu der ironischen Haltung der Autoren, ein Seitenhieb auf die Hippies und die Öko-Bewegung. Tempo feierte den Konsum und die Dekadenz. Die Redaktion war in einer Villa untergebracht, gleich bei der Außenalster, in einem der teuersten Viertel Hamburgs.