Rechten Regierungen kann man vieles vorwerfen, nicht aber fehlendes Interesse an Kultur. Niemand nimmt die Programme von Theater, Oper und Museen so ernst wie Politiker in Ungarn, Polen, Kroatien – so ernst, dass die Kunstfreiheit zuweilen nur noch auf dem Papier steht. Und in Deutschland räsoniert niemand so ermüdend über "unsere hundertjährige Kultur" wie die AfD. Ihre Politiker verlangen von Kultureinrichtungen, sie müssten "klassische deutsche Stücke so inszenieren, dass sie zur Identifikation mit unserem Land anregen". Was der Stacheldrahtzaun nach außen, das ist für die AfD die Kulturpolitik nach innen: eine Schutzmaßnahme für die "wehrhafte Nation", damit der Geist auch dann an Deutschland denkt, wenn er gerade nicht daran denkt.

Für die "Zentrumsparteien" kommt die kulturelle Offensive von rechts überraschend, sie wirken überfordert und reiben sich den Schlaf aus den Augen. Oft genug haben CDU und SPD den Eindruck erweckt, im Land von Goethe und Mercedes sei Kultur nur ein Standortfaktor im globalen nation branding. Die Linke bleibt kulturpolitisch unauffällig, während die Grünen immer noch gegen das Gerücht ankämpfen, dass sie als naturbelassene Post-68er auch geistig Strom sparen und sich unterm wärmenden Solardach intellektuell nicht überanstrengen. Kurzum, die postmoderne Zeichenschieberei ist vorbei, die Kultur wird wieder politisiert. Diesmal kommt ihre Politisierung nicht von links, sie kommt von rechts.

Natürlich geht es rechten Parteien nicht nur um Spielpläne und Kulturfolklore. Die obsessive Betonung der Kultur ist Teil einer Re-Nationalisierungsstrategie, einer wütenden Abwehr von allem, was auch nur entfernt an die verhasste Globalisierung erinnert, an den Westen und die "Anglo-Welt". Rechtes Denken ist Raumdenken. Es setzt die konkrete nationale Kultur gegen die bedrohlich abstrakte Weltgesellschaft, gegen Massenmigration, Großkapital und islamistischen Terror. Deutschland, so war auf dem Stuttgarter AfD-Parteitag zu hören, sei ein "Weltkulturerbe", das gegen "Weltgesellschaft und Weltstaat" verteidigt werden müsse.

Man sieht, im rechten Diskurs sind Kultur, Volk, Nation überzeitliche Größen und mythische Entitäten. Sie können im goldenen Käfig des Wohlfahrtsstaates vielleicht verdrängt und vergessen werden, doch irgendwann kehren sie mit Gewalt zurück. Genau das ist für die Rechte heute der Fall. Nach Finanzmarktcrash und Massenflucht könne niemand mehr übersehen, dass sich der Westen in seiner größten Krise befinde. Das System begeht Selbstmord, titelt die Flugschrift einer AfD-nahen Denkfabrik. Doch in diesem Selbstmord liege zugleich die epochale, die lang ersehnte Chance: Der Scheinfriede des entpolitisierten Liberalismus ("Die große Gleichschaltung") zerbreche, und die von "Lügenpresse" und "Konsensparteien" beruhigte Oberfläche platze auf. Es entstehe ein politisches Vakuum, in das eine rechte Partei als berufener Treuhänder von Volk und Kultur eindringen könne. Hat sie Erfolg, gelingt das, was nach dem Mauerfall gescheitert sei: der Abschied von der Westbindung und die Heimkehr ins Eigene der deutschen Kultur.

Damit ist der Hauptfeind klar markiert: Es ist die liberale Demokratie, die aus guten historischen Gründen Kultur und Staat trennt. Denn nie wieder, so lautete die Lehre aus dem Nationalsozialismus, darf sich der Staat die Kultur zur Beute machen, nie wieder darf es eine Staatskunst geben. In dieser Trennung besteht für europäische Rechtsparteien – und offensichtlich auch für die AfD – das Elend des westlichen Liberalismus. Dieser glaube fälschlicherweise, dass Demokratie und Rechtsstaat ausreichten, um eine Nation zusammenzuhalten. Tatsächlich aber beruhe nationale Identität nicht auf demokratischen Prozeduren, sondern auf dem Vorpolitischen, auf Sprache und Kultur. "Unser aller Identität", rief Frauke Petry in Stuttgart mit nationalreligiösem Unterton, als müsste der Staat eine deutsche Leitkultur in Beton gießen, "unser aller Identität ist vorrangig kulturell determiniert. Sie kann nicht dem freien Spiel der Kräfte ausgesetzt werden."

Wenn rechte Politiker und ihre Vordenker den vaterlandslosen Kulturbetrieb angreifen oder ARD und ZDF abwickeln wollen, dann geht es also nicht nur darum, kritische Stimmen loszuwerden. Es geht darum, die liberale Trennung zwischen Kultur und Politik aufzuweichen oder besser noch: Kultur und Politik zu einer Einheit zu verschmelzen. Dafür muss, gleichsam in einem ersten Schritt, der Kulturbetrieb aus der unseligen Allianz mit dem Zeitgeist befreit werden. Denn darin, so behaupten Rechtsintellektuelle ja schon lange, werde die heilige Kunst von einer niederen profanen Gesinnung in den Schmutz gezogen. Sie ersticke das ästhetisch "Primäre" unterm Schutt des "Sekundären" (Botho Strauß), unter Megatonnen linker Ideen und anderer Geisteskrankheiten.