Theodor Mommsen war kein Freund der römischen Kaiserzeit. Seine oft sehr persönlichen Bewertungen der Principes fielen scharf aus. Aus seiner Verachtung gegenüber Nero machte der große Altertumswissenschaftler des 19. Jahrhunderts schon gar keinen Hehl: "Er ist vielleicht der nichtswürdigste Kaiser, der je auf dem römischen Thron gesessen hat, und das will viel sagen."

Dennoch sind wenige antike Gestalten heute so bekannt wie der letzte Kaiser der julisch-claudischen Dynastie. Nero (37 bis 68 n. Chr.) steht Alexander und Cäsar in dieser Hinsicht nicht nach. Ein politisch bedeutender Kaiser aber war er nicht, zumindest wenn man seine Wirkung mit der eines Augustus, Diokletian oder Konstantin vergleicht.

Neros Unsterblichkeit beruht auf etwas anderem: Der umstrittene Kaiser fasziniert bis heute aufgrund der menschlichen Abgründe, die ihn wie kaum einen Vorgänger oder Nachfolger zu charakterisieren scheinen. Seine Untaten – der Muttermord, der Brand Roms, die Christenverfolgung –, verbunden mit den Neurosen, sexuellen Ausschweifungen und der ausgeprägten Exzentrik, die man ihm nachsagt, haben ihn zum Inbegriff des psychopathischen Tyrannen werden lassen. Aber ist dieses Bild noch gerechtfertigt? Schon seit geraumer Zeit schreiben Historiker dagegen an. Und demnächst wird in Trier eine opulente Ausstellung die Frage für ein breites Publikum noch einmal neu stellen. Nur: Wie lässt sich Nero neu deuten?

Die wichtigsten Grundlagen unserer Kenntnis sind die Schriften von Tacitus, Sueton und Cassius Dio. An einem Kaiser wie Nero konnten und wollten alle drei Autoren nichts Gutes entdecken. Tacitus (um 56 bis 120) schrieb seine Geschichtswerke in republikanisch-senatorischer Tradition. Sueton (um 70 bis 121) war als Unterhaltungsschriftsteller an Drastik interessiert. Und die späteren Schilderungen Neros von Cassius Dio (um 164 bis 229) sind nur über die Auszüge christlicher Autoren aus dem Mittelalter überliefert, für die Nero ein rotes Tuch war. Kurz: Die antiken Quellen sind einseitig. Sie überzeichnen und verzerren die historische Person und servieren negative Attribute zuhauf. Den Schleier dieser negativen Deutung gilt es in einer kritischen Re-Lektüre zu durchdringen, will man sich ein ausgewogeneres Bild von der historischen Gestalt machen. Anhaltspunkte liefern die antiken Quellen dafür genug.

Als Nero den Thron bestieg, existierte das von Augustus begründete römische Kaisertum seit rund 80 Jahren. Sein Vorgänger Claudius starb im Oktober 54, wohl durch eine vergiftete Pilzspeise. Es gab kaum jemanden, der nicht erwog, Agrippina könne dahinterstecken, die Tochter des Volkshelden Germanicus, vierte Frau des Claudius – und Mutter Neros. Agrippina war zweifelsohne die entscheidende Figur jener Jahre, nicht nur für den jungen Nero. Von mütterlichem Ehrgeiz verzehrt, wollte sie den Sohn zum mächtigsten Mann des Erdkreises machen, zum Kaiser des Römischen Reichs.

Agrippina arbeitete zielstrebig an diesem Vorhaben. Nachdem sie den Philosophen Seneca als Erzieher und Lehrer Neros gewinnen konnte, drängte sie Claudius zur Adoption ihres Sohnes. Schließlich leitete sie auch dessen Heirat mit Claudius’ Tochter Octavia in die Wege. Damit war Nero als Thronfolger installiert. Den Rest besorgten die Pilze. Als knapp 17-Jähriger übernahm Nero die Macht, an seiner Seite Seneca und Sextus Afranius Burrus, Befehlshaber der kaiserlichen Garde.

Agrippina, zu diesem Zeitpunkt 39 Jahre alt, war die erste Kaisermacherin der römischen Geschichte und eine für damalige Zeiten empörend emanzipierte Frau. Auch nach Neros Thronbesteigung blieb sie präsent. Münzen aus dem Jahr 54 zeigen sie und ihren kaiserlichen Sohn vis-à-vis.

Nach einem Jahr schwand ihr Einfluss. Die Münzbilder kehrten zur Konvention zurück, und die Kaisermutter trat in den Hintergrund. Über Britannicus, Neros Stiefbruder, versuchte sie allerdings, ihre Macht wieder zu vergrößern. Als leiblicher Sohn des Claudius hätte Britannicus Ansprüche auf den Thron erheben können, weshalb er wahrscheinlich zu Neros erstem Opfer wurde: Nero soll den ungeliebten Stiefbruder, kurz bevor dieser mit seinem 14. Geburtstag volljährig geworden wäre, vergiftet haben.

Ansonsten verlief die Anfangszeit von Neros Regentschaft friedvoll. Neben der Inszenierung aufwendiger Spiele, aus römischer Sicht ein Gradmesser für eine gute Herrschaft, widmete sich Nero diversen Bauprojekten; unter anderem ließ er große Thermen errichten. Das Volk honorierte dies und erwärmte sich für den jungen Kaiser, der sich gern volksnah und freigiebig zeigte. Wie viele junge Römer brannte Nero für die Wagenrennen im Circus Maximus, und anders als sein spröder Vorgänger Claudius war er ein veritabler Fachmann für die dortigen Geschehnisse.