Weiter als Nordkorea kann man sich auf diesem Planeten nicht von der Realität entfernen, schreibt der Schriftsteller Christian Kracht. Es könnte eine totale, in die Zukunft und Vergangenheit gehende holografische Projektion sein. Oder der Handlungsraum eines noch ungeschrieben Science-Fiction-Romans. Wie Millionen von Nordkoreanern leben, was sie essen, wie sie zur Arbeit gehen, was sie dort tun, wir wissen es nicht.

Was wir nicht kennen, füllen wir mit unserer Fantasie auf. Nordkorea ist Pop, ein Land wie aus einem James-Bond-Film. Der Dicke mit der Atombombe und der krassen Frisur, der den eigenen Onkel erschießen lässt. Geisterbahn. Doch was Geisterbahn ist, muss man nicht ernst nehmen, das verliert sein Grauen – gleich einem Hitler-Faschingskostüm.

Eine andere Erzählung ist die der Geopolitik. Jetzt, da Nordkorea seinen ersten Parteitag seit 36 Jahren ausrichtet und zur Feier eventuell seinen fünften Atomtest durchführen wird, ist sie überall zu lesen, Überschrift: das Great Game der Großmächte China und USA. China, von dem das wirtschaftlich desolate Nordkorea abhängig ist, hält sich das Land als Pufferstaat gegen ein mit den USA verbündetes Südkorea. In dieser Geschichte schnurren das Land und seine Menschen auf eine Figur in einem Strategiespiel zusammen.

Jede der Erzählungen ist unterschiedlich, und doch haben sie eine Gemeinsamkeit. Sie haben eine Lücke: Die Menschen laufen nur als Statisten durchs Bild, sie haben keine Sprechrollen. Lassen wir sie also erzählen. Beginnen wir oben, bei den Führern, weil sie alles in diesem Land überstrahlen, weil sich das Leben des Einzelnen nicht erklären lässt ohne sie.

Der Koch

Der Japaner Fujimoto Kenji (Pseudonym), 69, diente Kim Jong Il, dem verstorbenen Machthaber und Vater des derzeitigen Führers Kim Jong Un, zwölf Jahre lang als Sushi-Meister. Er reiste um die Welt, um Köstlichkeiten für seinen Chef zu besorgen: Kaviar im Iran, Thunfisch in Japan, Mangos in Thailand, Bier in Tschechien, Big Macs in Peking. Als Fujimoto im Jahr 2001 die Angst beschlich, sein Chef verdächtige ihn der Spionage, entkam er mit einer List. Er gab vor, Seegurken in Japan kaufen zu wollen, und kehrte nicht zurück. Seine nordkoreanische Frau und die beiden gemeinsamen Kinder landeten sechs Jahre lang im Arbeitslager. Lange lebte Fujimoto in Angst vor einem nordkoreanischen Todesschwadron in Japan. Kim Jong Un hat ihm inzwischen verziehen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 20 vom 4.5.2016.

"Als ich Kim Jong Un zum ersten Mal traf, war er sieben Jahre alt. Er lernte damals mit einem eigenen Mercedes Autofahren. Sie haben ihm einen speziellen Sitz gebaut, damit er ans Gaspedal kam. Zehn Jahre lang war ich sein Spielkamerad. Jong-un hatte von klein auf den Charakter eines Führers, spielte er mit seinem älteren Bruder oder seiner Kusine, machte er die Ansagen. Sein Vater sagte oft: "Der Ältere taugt nichts. Der ist wie ein Mädchen. Jong Un ist wie ich." Mit 13 oder 14 Jahren hat ihn sein Vater ermutigt, zu trinken. Ein Mann muss seinen Schnaps aushalten können, hatte er gesagt. Rauchen konnte Jong Un nur heimlich, sein Vater hatte ja im Jahr 1989 damit aufgehört. Wann immer er eine ziehen wollte, ist er zu mir gekommen. Es war unser Geheimnis.

Die Familie residiert in 30 bis 50 Villen, ich selbst habe 12 oder 13 davon gesehen. Sie sind superluxuriös, Marmor, hohe Decken, Sportanlagen, Kino, Tanzhallen. Die Spielkameraden seines Sohnes suchte General Kim Jong Il persönlich aus, es waren die Enkel hoher Kader. Ich weiß noch, wie Jong Un sagte: "Ich rollerblade, ich spiele Basketball, und im Sommer gehe ich Jetskifahren. Manchmal frage ich mich, wie andere leben."

Er hat immer viel getrunken, egal, wie es dem Volk ging
Ex-Sushi-Meister Fujimoto Kenji

Ich glaube, sein Vater wusste, wie es dem Volk ging. Er liebte Autos, fuhr damit durchs ganze Land, da konnte er sehen, wie arm die Menschen waren. Ich denke, er muss gewusst haben, dass in den neunziger Jahren viele Menschen verhungerten. Am Geburtstag seiner Mutter überreichte er seiner Entourage immer teure Geschenke, edlen Stoff aus England oder Japan. Zur Zeit der Hungers aber hat er Dinge aus China verschenkt. Ob er mehr getrunken hat, weil er sich um sein Volk sorgte? Vielleicht. Aber er hat immer viel getrunken, ganz egal, wie es dem Volk ging. Den feinsten Cognac Frankreichs. Er war der beste Privatkunde von Hennessy, das stand auf den Holzkisten, in denen die Flaschen geliefert wurde.