Schon in der Regionalbahn spürt der Besucher das Seins-Dilemma der Menschen in unserem abgelegenen Feuchtgebiet. Wenn der Motor bei der Fahrt bergan durchs Volmetal hochtourig schnappatmet und die bemoosten Regenwälder rechts und links näher rücken, dann kriecht erst das Enge-Gefühl ins Gemüt, dann das Grau. Es nieselt, schüttet oder gießt. Die Atlantiktiefs aus dem Westen kämen nun mal nicht über die Hügel des Sauerlands hinweg: So erklärte man uns Kindern, dass die Sommerferien schon wieder "verplästert" waren. Endstation. Am Sackbahnhof zieht’s. Sie werden sich fragen: Wie komme ich hier wieder weg? Oder wenigstens ins Trockene?

Zum Glück sind es nur ein paar Schritte bis zur Phänomenta. In diesem Wissenschaftsmuseum bessert sich die Laune, besonders, falls Sie Kinder dabeihaben: An 130 Stationen kann man dort experimentieren, mit Hörnerblitzableitern, Wirbelstromrennbahnen oder gefrorenen Schatten. Technophilie gehört in Lüdenscheid zum Genius Loci. Ein 360-Grad-Panorama im Museum preist die Stadt der "Fabriksken" als Avantgarde eines forschenden Mittelstands. Ein innovation hub früher und heute.

In einem kurzen Film begegnet Ihnen zum Beispiel Carl Berg. Als der Unternehmer Ende des 19. Jahrhunderts für den Grafen Zeppelin die ersten Luftschiffe konstruierte, faszinierte ihn weniger der Traum vom Fliegen; er wollte Werbung für seinen neuen Baustoff Aluminium machen. Andere Firmengründer aus der Bergstadt ersannen Drähte, Knöpfe und Schnallen, später Metall-Legierungen und Maschinen. Heute entwickeln sie Kunststoffe, Elektrosysteme und vor allem: Lampen und Leuchten. Auch mein Vater, ein Maschinenbauingenieur, war so ein Tüftler. Was soll man denn anderes machen bei dem Wetter, sagte er. Die Kreativität der Enge: Sie gehört zur Lüdenscheider Dialektik.

Vom Dach der Phänomenta ragt eine 75 Meter hohe, schneeweiße Nadel in den Himmel. Innen birgt dieses neue Wahrzeichen der "Stadt des Lichts" ein Foucaultsches Pendel, in der Nacht strahlt es in Pink und Blau. Eigentlich nervt es ja, dass sich jedes Kaff mit irgendwelchen Slogans und Geschlechtertürmen vermarkten muss. Doch dieser bringt Farbe und einen poetischen Denkanstoß ins Grau.

Sie verlassen jetzt die Phänomenta, natürlich bei Regen, und laufen zehn Minuten in die Oberstadt. Dort kuscheln sich ein paar mittelalterliche Häuschen um die Erlöserkirche zusammen. Außerdem gibt es ein paar Kneipen, sonst ist aber wenig los. Immer wieder stehen Läden leer. Wie viele Kleinstädte schrumpft auch Regenscheid im Schauerland.

Nur im Stern-Center an der Fußgängerzone tobt das Leben. Über solche Einkaufskathedralen kann man ja sagen, was man will, aber in der Tristesse des Autogerechten sind sie eine Art überdachte Agora. Nehmen Sie einen Espresso mit Pistaziencroissant am Segafredo-Stand. Dann können Sie sich über den Trubel konsumberauschter Teenies, quatschender Rentner, beschwipster Tennisvereinsmitglieder und zankender Großfamilien amüsieren. Das Sprachgewirr aus Italienisch, Türkisch, Serbisch, Arabisch, Griechisch zeigt, dass eine Industriestadt vor allem Werkzeugmacher-, Schlosser-, Arbeiter- und daher Migrantenstadt ist. Es beweist zugleich: Die Ureinwohner gehören eher zu den Schweigern.

Ihr Besuchsprogramm könnte aber auch ganz anders aussehen. Der Lüdenscheider Himmel reißt in den letzten Jahren nämlich immer öfter auf; manchmal tagelang! Wenigstens hier hat der Treibhauseffekt auch sein Gutes. Sollten Sie so einen Sonnentag erwischen, dann: Leisten Sie sich gleich am Bahnhof ein Taxi, und besuchen Sie mein Lieblings-Ausflugziel, Großendrescheid. Das Dorf liegt nur sieben Kilometer außerhalb zwischen Weiden und Wäldern. Der Gasthof Spelsberg dort ist nichts für Anfänger, es gibt Pfefferpotthast aus gekochtem Rind, Potthucke aus Reibekuchenteig und andere bäuerliche Hardcore-Gerichte. Aber wenn Sie nach einer Wanderung dort im Garten schmausen und Ihr Blick über die Lenneberge schweift, die bis zum Horizont reichen; wenn die Farbe der Wälder von Maigrün über Dunkelviolett bis ins fast Schwarze changiert, je nachdem, wie die Wolken ziehen, dann – ja dann wollen Sie hier für immer bleiben.