Der Klappentext weckt hohe Erwartungen, ein Debattenroman wird versprochen im Stile von Janne Tellers Nichts, jenem Jugendbuch, das Anfang des Jahrtausends erschien, an dänischen Schulen zunächst verboten und später mit Preisen überhäuft wurde.

Gewiss, es gibt Parallelen, auch Opfer von Jesper Wung-Sung spielt in der dänischen Provinz, erzählt ebenfalls von Jugendlichen, die mit der Sinnfrage konfrontiert werden. Trotzdem ist der Vergleich schief. Wo es bei Janne Teller keinen Ausweg mehr gibt, bleibt bei Wung-Sung ein letztes Schlupfloch offen.

Er entwirft in seiner kleinen Parabel ein Szenario, das eher an William Goldings Herr der Fliegen erinnert: Als an einer Schule eine tödliche Epidemie ausbricht, wird das Gelände kurzerhand abgesperrt, Schüler und Lehrer sind von der Außenwelt abgeschnitten. Anfangs versuchen sie einen geregelten Tagesablauf zu organisieren, doch als die Krankheit mehr und mehr Opfer fordert und niemand zu Hilfe kommt, macht sich Hoffnungslosigkeit breit. Wozu noch Mathe lernen? Warum das Rauchverbot befolgen? Was nützen Regeln und Menschlichkeit im Angesicht des Todes? Die Fragen, die Opfer aufwirft, sind keineswegs neu, eine Debatte werden sie nicht auslösen.

Dass die Lektüre trotzdem lohnend ist, liegt an der äußerst dichten Erzählweise Wung-Sungs. Auf wenigen Seiten gelingt es ihm, nicht nur die Dynamik einer Gruppe im Ausnahmezustand zu beschreiben, sondern auch den persönlichen Nöten einzelner Charaktere Platz einzuräumen. Da ist etwa Benjamin, Sohn des Schuldirektors, den es zerreißt zwischen dem Wunsch, sich von seinem Vater abzunabeln und bei ihm Schutz zu suchen. Zum Schluss bleibt die tröstliche Erkenntnis, dass Sinnlosigkeit Menschen nicht unbedingt davon abhalten kann, sinnstiftend zu handeln.

Jesper Wung-Sung: Opfer. Lasst uns hier raus! Ab 14 Jahren; Deutsch v. Friederike Buchinger; Hanser Verlag 2016; 142 S., 13,90 €