Unweit von Frankfurt (Oder) steht Jesus einsam auf einem Acker. Ein Monument, ein Denkmal, wie jeder Kontinent eins hat: die Freiheitsstatue in New York, die chinesische Mauer und eben dieser europäische Jesus, den niemand kennt, den niemand mag, nicht einmal die Polen selber mögen ihn.

Ich habe davon gelesen, dass dieser Jesus da an der Grenze steht, und ich dachte, da muss ich hin. Meine Eltern waren Kommunisten aus Thüringen. Glaube war Terrorismus, Glaube war Wahnsinn aus Sicht meiner Familie. Ich bin nicht gläubig. Aber den Jesus wollte ich sehen.

Vorher schaue ich mir Bilder an, und ich lese Texte: Der Jesus von Świebodzin ist – rechnet man den Hügel, auf dem er steht, mit ein – mehr als 50 Meter hoch und besteht aus Sichtbeton. Auf seinem Kopf wurde eine goldene Krone errichtet, hinter der das Metallgerüst, das die Krone halten soll, fast wie die Dornenkrone aussieht. Dieser Jesus wirkt, als wüsste er ganz genau, was er tut, und das ist ja selten geworden – dass einer ganz genau weiß, was er tut. Er steht, das sieht man auf der Karte, nicht weit entfernt von einem Supermarkt in Świebodzin. Gebaut ist er von tragischen kleinen Menschen, wie wir alle welche sind. Tragische kleine Menschen, die nur das Beste tun wollen und dabei alles falsch machen. Die haben erlebt, was ich erlebt habe: das große Scheitern, die Erwartung von Wundern, die Erfahrungen des Postkommunismus eben.

Wir fahren da jetzt hin, zu diesem Acker in Polen, dachte ich also. Eine Pilgerreise. Für die Fahrt nahm ich alle Artikel mit, die ich finden konnte. Eine Reise in die Arme von Jesus.

Diese Arme messen ausgestreckt ganze 24 Meter. Ohne seinen Hügel ist er 36 Meter hoch und damit die größte Jesus-Statue der Welt, größer auch, ob Sie das jetzt glauben oder nicht, als der Cristo Redentor in Rio de Janeiro und der Cristo de la Concordia in Bolivien.

Im Jahr 2007 wurden in Lissabon, im Rahmen einer Fernsehshow, die "Neuen Sieben Weltwunder" bekanntgegeben, unter denen sich auch der Cristo Redentor befindet (Schloss Neuschwanstein hatte den Einzug knapp verpasst und landete auf Platz acht). Den Jesus von Świebodzin gab es damals noch nicht.

Nach der Show begann der Pfarrer Sylwester Zawadzki ("Nicht ich hatte die Idee, sondern Jesus"), der heute nicht mehr lebt, ein neues Weltwunder zu planen. Es gab Größenwahn, eine Baugenehmigung hingegen gab es, zumindest für eine Figur dieser Größe, wohl nicht so richtig. Dass man hier ein Weltwunder schaffen könnte, bewog die polnischen Bauämter und sonstigen staatlichen Kontrollinstanzen womöglich dazu, nicht so genau hinzuschauen. Wie viel die Statue gekostet hat, weiß auch heute noch niemand so genau, denn das Geld wurde ausschließlich von privaten Spendern akquiriert, lese ich. Die Zahlen schwanken zwischen 1,5 und drei Millionen Euro. Gar nicht so teuer, so ein Weltwunder.

Andererseits: Während man als Beifahrerin im Auto sitzt, das einen aus Berlin durchs völlig entchristlichte Brandenburg fährt, da denkt man, dass es doch Wahnsinn ist. Gleich an der Grenze beginnt ein Land, das so katholisch ist, dass die Menschen viel Geld für einen riesigen Jesus ausgeben. Drei Millionen.

Ich lese weiter. Am 21. November 2010 weihte der Bischof von Zielona Góra-Gorzów, Stefan Regmunt, den fertig gebauten Jesus ein. Der emeritierte Erzbischof von Breslau, Henryk Roman Kardinal Gulbinowicz, war auch da. Deutsche Bauunternehmer sollen Grundstücke drumherum erworben haben. Hotels, Bars und Pilgerstätten sollten den Acker um die Christus-König-Statue von Świebodzin zum ewigen Leben erwecken. Und weil dieser Jesus größer war als Cristo Redentor in Rio, trug man angeblich an den Pfarrer Sylwester Zawadzki die Idee heran, man könne ja gleich auch einen Karneval mit dranhängen. Die Umstände um die Entstehung; also wer hier wann was gekauft hat, wer davon profitierte und wo das Geld versickert ist – das bleibt immer noch im Nebel. Sylwester Zawadzki sprach zu seinen Lebzeiten ungern mit der Presse: "Weil ihr lügt", erklärt er einer polnischen Journalistin vor ein paar Jahren in einem Text, der in einem kleinen Magazin erschienen ist. "Zum Beispiel, dass ich 60 Millionen für die Christus-König-Statue ausgegeben habe. Dabei weiß ich selbst nicht einmal, wie viel sie gekostet hat. Ich werde doch für eine heilige Sache nicht Buch führen."