Am Wochenende wird sich, so keine Wunder mehr geschehen, der deutsche Fußball fundamental verändern. Der mit österreichischem Limonadengeld finanzierte Fußballclub RB Leipzig kann in die Erste Bundesliga aufsteigen. Für traditionsbewusste Fans ist das gleichbedeutend mit dem Untergang des Feierabendlandes. Ein Retortenverein, ein "Konstrukt" ohne Tradition – gegründet, um Werbung für den Red-Bull-Konzern zu machen – wird den Sprung nach ganz oben geschafft haben. Die Proteste dürften gewaltig sein.

Dabei bedeutet der Aufstieg von RB Leipzig nicht den Untergang des Fußballs. RB Leipzig macht ihn nicht ungerechter. Sondern gerechter.

Die Entscheidung des Brauseverkäufers Dietrich Mateschitz, vor sieben Jahren die Lizenz eines Fünftligisten am Leipziger Stadtrand zu übernehmen, war politisch raffiniert. Drei Viertel aller Deutschen interessieren sich für Fußball. Und doch gibt es keinen anderen Gesellschaftsbereich, in dem der Osten bis heute so diskriminiert ist. In der ersten Liga spielt kein Ost-Club, in der zweiten neben RB Leipzig lediglich Union Berlin. Dynamo Dresden steigt zwar gerade dorthin auf, aber wird auf Jahre hin Not haben, die Klasse zu halten.

In den alten Bundesländern sind die Vereine dagegen reich. Nordrhein-Westfalen hat, wie die fünf neuen Länder, gut 17 Millionen Einwohner – aber fünf Erstligavereine. Clubs, die klug wirtschaften, dominieren. Wer oben ist, kassiert die Fernsehprämien und bleibt oben. Wer unten ist, kommt nicht hoch. So sind die Verhältnisse im deutschen Fußball unverrückbar. Unverrückbar westdeutsch.

Großunternehmen gibt es im Osten nicht – also keine potenten Sponsoren. In Hessen hat selbst ein Underdog wie Darmstadt 98 die Zentrale eines Weltkonzerns vor der Haustür, die des Pharmariesen Merck nämlich. Dass ein Ost-Traditionsverein aus eigener Kraft den Anschluss an Vereine aus Stuttgart oder Hamburg schafft, ist so wahrscheinlich wie ein Gewinn der WM durch das Team von San Marino.

Und nun die Revolution: Eine Firma ändert einfach etwas an den Verhältnissen von oben und unten. Allüberall profitierte Ostdeutschland seit 1990 von Westhilfen. Jetzt behebt ein österreichischer Großkonzern nach demselben Mechanismus von "Aufbau Ost" die letzte Ungerechtigkeit, und das soll das große Problem sein?

Ja, was für ein Sturm da aufbrandet! Anhänger von "Traditionsvereinen" schmieren den Leipziger Fans Buttersäure in den Block, wünschen ihnen auf Plakaten Tod und Krankheit. Dabei war die Entscheidung von Red Bull für Leipzig auch deshalb klug, weil diese Gegend den Fußball liebt. Beim Spiel der DDR gegen die tschechoslowakische Auswahl wurde 1957 in Leipzig mit 110.000 Zuschauern der bis heute gültige deutsche Rekord aufgestellt. Hier wurde auch der DFB gegründet. Also sagt Leipzigs Trainer Ralf Rangnick, dass Leipzig eine "absolute Bereicherung" für die erste Liga wäre: "stimmungsmäßig, fantechnisch, vom Stadion her". RB Leipzig hat mit den höchsten Zuschauerschnitt der zweiten Liga. Auf den Tribünen anderer Investoren-Vereine, in Wolfsburg oder Leverkusen, mag man sich Erfrierungen holen. In Leipzig erlebt man die Hitze des Herzens.

Dennoch ist etwas dran am Einwand jener Fußballnostalgiker, die RB Leipzig für den Beleg dafür halten, dass die schönen alten Zeiten vorbeigehen: Wenn nur einer viel Geld in die Hand nimmt, schafft er es auch nach oben. Darin wohnt große Beliebigkeit.

Das ist schade, aber nicht zu ändern. Leipzig ist nicht die Ursache dieser Entwicklung, sondern ihr Symptom: Mit dem Erfolg des Fußballs als Sportart für breite Schichten ist er interessant geworden für all jene, die mit Werbung viele Menschen erreichen wollen. Die Oberkörper-frei-Romantik, der archaische Männlichkeitssport, verabschiedet sich in die unteren Ligen. In Leipzig dagegen sieht man Woche für Woche Tausende Kinder im Stadion. Da ist der Fußball wirklich ein Produkt – ein Familienprodukt. Ist das nicht auch romantisch?

Kluge Menschen wie der TV-Kommentator Marcel Reif haben erkannt, welche Chance dem Aufstieg von RB Leipzig noch innewohnt: Hier entstehe ein Konkurrent für die Bayern, sagt Reif. Dem Fußball könne RB die Spannung zurückbringen, die im Meisterschaftsrennen zuletzt fehlte. Das wäre gut für alle: Bayern, die endlich wieder gefordert sind. Und Nichtbayern, die wieder mitfiebern können.