Ein wahres Feuerwerk seiner rhetorischen Meisterschaft aber entfaltet King in den letzten fünf Minuten, in der freien Rede. Jetzt geht es nicht nur um das überzeugende Wort, das historische Zitat, die ergreifende Formulierung. King nimmt das ganze Publikum in den Blick, er schlägt die Menschen in den Bann. Er saugt den Zwischenapplaus förmlich auf und nutzt ihn für die nächste Formulierung. Er nimmt die Emotionen auf und gibt sie wieder zurück. Er hält keine Rede, er verkörpert sie.

Hier kommt alles zusammen, was eine historische Rede ausmacht: die Glaubwürdigkeit des Redners, die Tragkraft seiner Argumente und die Gefühle, die er beim Publikum hervorzurufen vermag. Die drei Säulen der Rhetorik – Ethos, Logos und Pathos – beschreibt schon der griechische Philosoph Aristoteles im allerersten Lehrbuch der Rhetorik. Für ihn ist die Rhetorik die Kunst der Überzeugung, nicht der Überredung. Und daher ist das Argument das entscheidende rhetorische Mittel.

Aber Aristoteles weiß auch um die Macht der Gefühle und rät dem Redner, "nicht nur darauf zu sehen, dass die Rede beweisend und überzeugend sei", sondern auch dafür zu sorgen, "sich selbst und den Beurteiler in eine bestimmte Verfassung zu versetzen". Dreihundert Jahre später im politischen Machtzentrum Roms setzt der erfahrene Politiker und Rhetoriker Marcus Tullius Cicero deutlich unverblümter auf das Pathos: "Nichts ist in der Beredsamkeit wichtiger, als dass der Zuhörer dem Redner geneigt sei und selbst so erschüttert werde, dass er sich mehr durch einen Drang des Gemütes und durch Leidenschaft als durch Urteil und Überlegung leiten lasse."

Die antike Rhetoriklehre, sie wirkt bis heute fort: Ihre Regeln sind aktuell, ihre Rezepte nach wie vor alltagstauglich. Die Natur des Menschen hat sich in den Jahrtausenden offenbar nicht geändert. Dass sich gerade die politische Redekultur der Vereinigten Staaten so offensichtlich aus dem Fundus der antiken Lehrmeister bedient, hat historische Gründe. Die Rhetorik wurzelt in der Demokratie. Nur ein mündiges Publikum kann und muss vom Redner überzeugt werden. Und die Amerikaner haben eine deutlich längere demokratische Tradition als etwa die Deutschen. Schon vor 200 Jahren durfte dort der freie Bürger das Wort ergreifen, während der deutsche Untertan schwieg und gehorchte.

"Ish bin ein Bearleener" steht auf einem hellblau linierten Karteikärtchen. John F. Kennedy, der junge amerikanische Präsident, wird diesen – eigentlich sinnlosen – Satz am 26. Juni 1963 vor dem Schöneberger Rathaus aussprechen und damit (im selben Jahr wie King) einen weiteren Höhepunkt in der Geschichte der Redekunst setzen. Kennedy ist ein leidenschaftlicher Redner und ein unverhohlener Bewunderer brillanter Reden. An seiner Antrittsrede als Präsident am 20. Januar 1961 hatte er zwei lange Monate gefeilt. Sie schloss mit einem hoch emotionalen Appell, einem Zitat für die Geschichtsbücher: "Fragt nicht, was euer Land für euch tun kann; fragt, was ihr für euer Land tun könnt." Bis heute hallt dieser Satz nach in den Ohren der Welt.

Für den amerikanischen Präsidenten ist der sommerliche Besuch in Berlin von erheblicher Bedeutung. Er will klare Signale an die Sowjetunion senden: Amerika steht an der Seite Berlins.

Zwei Wochen vor seiner Deutschlandreise lässt Kennedy den Journalisten Robert H. Lochner nach Washington kommen. Der in Berlin-Charlottenburg aufgewachsene Amerikaner soll ihm ein paar einfache deutsche Sätze notieren. Robert Kennedy, Justizminister im Kabinett seines Bruders, hatte John F. empfohlen: "Wenn du in Deutschland sprichst, sag einen Satz auf Deutsch." Deshalb proben Lochner und Kennedy jetzt im Oval Office. Lochner spricht, der Präsident versucht, ihm nachzusprechen. Das Ergebnis ist desaströs. "Nicht sehr gut, oder?", fragt Kennedy. Er kennt die Antwort selbst und verwirft die Idee.

53 Kilometer fährt John F. Kennedy am 26. Juni 1963 durch Berlin, im Wagen begleiten ihn Konrad Adenauer, Willy Brandt, damals Regierender Bürgermeister, und Robert H. Lochner. Als sie die Treppe zum Schöneberger Rathaus emporsteigen, fasst Kennedy spontan einen folgenreichen Entschluss. Er will nun doch einen Satz auf Deutsch sagen. Bloß einen einzigen. Dazu muss er aber von seiner Rede ein wenig abweichen. Akribisch hat er sie sich auf DIN-A5-Karten schreiben lassen. Jetzt kommt noch eine Karte dazu. Mit der Notiz: "Ish bin ein Bearleener". Kennedy schreibt es in Lautschrift auf. Noch im Büro von Willy Brandt übt er mit Lochner die Aussprache.

Hier geht es nicht um politische Argumentation, hier geht es um kalkulierte Emotion. Der Satz fällt. Berlin bricht in Jubel aus. "Wir haben so gebrüllt, dass die Dächer gewackelt haben", erinnert sich die damals 19-jährige Augenzeugin Heidrun Kotte, die mitten in der Menge stand. Kennedys Kalkül geht auf. Sein Satz sitzt. Er brennt sich in die Herzen seiner Hörer. Ein klares politisches Bekenntnis. Und er hat – wie der Kölner Rhetorikexperte Karl-Heinz Göttert erkannt hat – einen direkten Bezug zu einem der größten Redner der römischen Antike: dem Politiker, Anwalt, Schriftsteller und Philosophen Marcus Tullius Cicero.