Manchmal verdichtet sich im Schicksal eines Menschen das Wesen einer Katastrophe. Das Bild des Kinderarztes Mohammed Wasim Maas, getötet am 27. April bei einem Luftangriff syrischer Kampfbomber auf ein Krankenhaus in Aleppo, hat einen internationalen Aufschrei ausgelöst. Es war Augenzeugen zufolge ein gezielter Angriff. Mit Maas starben mehr als fünfzig Menschen – Ärzte, Krankenschwestern und Patienten. Für einen kurzen Moment wurde deutlich, was der "Bürgerkrieg" in Syrien im Kern ist: ein Krieg des Regimes gegen seine Bürger.

An all jene, die jetzt die Hand zum Einwand erheben: Nein, der IS ist nicht die tödlichste Kriegspartei in Syrien. Das ist mit großem Abstand das Regime. Und: Ja, alle Kampfparteien begehen Kriegsverbrechen. Aber keine bombardiert und stranguliert mit solcher Systematik die Zivilbevölkerung, wie es das Regime mit russischer und iranischer Hilfe tut. Assads Luftwaffe attackiert gezielt Krankenhäuser, Schulen, Marktplätze, auf denen Menschen Schlange stehen für das Wenige, was es noch zu kaufen gibt. In manchen belagerten Städten ernähren sich Bewohner von Gras und "Suppe" aus Wasser und Gewürzen. Kinder sterben an Unterernährung, Kranke aus Mangel an Medikamenten.

Auf den Genfer Verhandlungen ruhen kaum noch Hoffnungen

Es ist ein Krieg, in den Europa sich endlich einmischen muss. Nicht aufseiten irgendwelcher Rebellen. Sondern aufseiten von Syrern wie Mohammed Wasim Maas, die mit schier übermenschlicher Sturheit daran glauben, dass es besser ist, zu bleiben, als (nach Europa) zu fliehen. Und die an den Zielen der Proteste von 2011 festhalten: dem Ende von Repression und Korruption – und dem Abtritt Assads.

Fünf Jahre nach dem Beginn der Arabellionen klingt das grenzenlos naiv – vor allem in Anbetracht der aktuellen Lage: Die im Februar begonnene Waffenruhe in Syrien ist gescheitert, darüber können lokale Feuerpausen nicht hinwegtäuschen. Auf den Genfer Verhandlungsprozess setzt kaum noch jemand Hoffnung. Denn selbst wenn die Hotelzimmer für die Delegationen reserviert bleiben, ist eines klar: Baschar al-Assad, gut aufgerüstet aus russischen Beständen, setzt auf eine militärische Lösung. Seine Strategie: Wir bombardieren und belagern, bis man uns in Genf gibt, was wir wollen. Das Ziel ist Machterhalt um jeden Preis.

Bis auf Weiteres stellt sich ihm niemand in den Weg, nicht Wladimir Putin, der es könnte, noch Barack Obama, der es gar nicht erst versuchen will, noch die Regionalmächte Saudi-Arabien und Iran, die ihr geostrategisches Armdrücken auf dem Rücken der Syrer fortsetzen.

Bleibt ausgerechnet das von der Flüchtlingskrise angeschlagene Europa. Es geht hier um Himmels willen nicht um das nächste große Interventionsprojekt. Wie kontraproduktiv ein solches sein kann, wissen wir seit dem Irakkrieg. Aber es gibt einen Spielraum, der in den vergangenen Jahren sträflich verschenkt wurde.

Die Militarisierung der Nahostpolitik hat uns blind gemacht für jene syrischen Akteure, die keine Kalaschnikow in der Hand halten. Dass gerade in dem arabischen Land, in dem das Regime am brutalsten zurückschlug, demokratische Experimente der Selbstverwaltung entstanden – und bis heute bestehen –, ist untergegangen.

In den Wochen, in denen die Waffenruhe weithin eingehalten wurde, gingen die Menschen in den oppositionellen Gebieten wieder zu Tausenden auf die Straße. Gegen den IS, auch gegen islamistische Rebellen, vor allem aber gegen das Regime. Die "Wiederauferstehung" der Protestbewegung niederzuwalzen ist ein zentrales Ziel der jetzigen Bombardements und Belagerungen.

Über zwei Dutzend Abgeordnete aus vier europäischen Ländern – Großbritannien, Frankreich, den Niederlanden und Deutschland – haben nun ihre Regierungen aufgefordert, die Hungerringe mit Luftbrücken zu durchbrechen, und zwar mithilfe der Flugzeuge, die in Syrien gegen den IS im Einsatz sind. Das ist machbar: Ausgerechnet Russland hat das bereits demonstriert, mit einer Luftbrücke für die Bewohner einer vom IS eingeschlossenen Stadt. "Die anhaltenden Belagerungen", schreiben die Abgeordneten, "sind eine Schande für Europa."

Luftbrücken gegen den Hunger wären eine erste europäische Initiative zum Schutz der Zivilbevölkerung in Syrien. Und ein Zeichen an das Regime, dass Europa nicht mehr tatenlos zusieht, wie ein Diktator weiter Abertausende Flüchtlinge produziert.

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