DIE ZEIT: Herr Rudolph, nach mehreren Monaten stehen Sie an Himmelfahrt wieder als Faust auf der Bühne des Thalia Theaters. Über acht Stunden dauert die Aufführung. Sind Sie fit?

Sebastian Rudolph: Ich hoffe es. Da die Abstände zwischen den Aufführungen größer geworden sind, wird es immer schwieriger. Wirklich fit bin ich nur, wenn ich den Faust regelmäßig spiele. Anders kann man beim Theater nicht trainieren.

ZEIT: Sport hilft nicht?

Rudolph: Ausdauersportarten sind nicht mein Ding. Ich habe aber keine Angst, es körperlich nicht durchzustehen. Seit der Premiere vor fast fünf Jahren habe ich das Stück um die hundertmal gespielt, auf dem Theaterfestival in Avignon sogar fünf Mal an sechs Tagen. Da stand ich am Ende krächzend auf der Bühne. Ich weiß, dass man Erschöpfung sehr weit aufschieben kann.

ZEIT: Warum dann so verunsichert?

Rudolph: Ich fühle mich wie ein Fußballer, der nicht aufgewärmt ist und eingewechselt wird. Als wir das Stück noch häufiger gespielt haben, hatte ich das Gefühl, den Text während des Spielens neu zu erfinden. Ich dachte nicht, ich wäre Faust, sondern Goethe. Jetzt habe ich auf einmal Angst, dass mir einzelne Sätze entfallen.

ZEIT: Die Inszenierung ist ein riesiger Erfolg. Sie wurden von der Zeitschrift Theater heute 2012 für Ihre Rolle als Schauspieler des Jahres ausgezeichnet. Mal ehrlich: Haben Sie zu Beginn nicht gedacht, dass es völlig verrückt ist, Faust I und II in einem Rutsch durchzuspielen?

Rudolph: Das Gute bei Regisseur Nicolas Stemann ist, dass man anfangs nie weiß, was er vorhat. Wir haben lange nur in Etappen geprobt. Was das Ganze wirklich bedeutet, ist mir erst bei der Premiere bewusst geworden.

ZEIT: Braucht es wirklich mehr als acht Stunden, um Faust zu verstehen?

Rudolph: Eines der großen Themen von Goethe ist nun mal die Kritik an der beschleunigten Welt. Ich finde, Theater hat eine gewisse Dauer. Manchmal muss man an die eigenen Grenzen gelangen, um es zu begreifen.

ZEIT: Die Inszenierung wird oft als Marathon bezeichnet. Treffend?

Rudolph: Auf jeden Fall. Ich brauche wie die Läufer einen klaren Plan. Ich weiß genau, an welcher Stelle ich hinter der Bühne welche Textpassagen durchgehe und wann ich was esse oder trinke. Alles ist durchgetaktet, sonst komme ich nicht durch.

ZEIT: Hilft Kaffee?

Rudolph: Nein, nur sehr viel Wasser. Und in der Mitte des zweiten Teils manchmal ein Wein. Da wird das Stück ja rauschhafter. Das beste Aufputschmittel ist aber, so pathetisch das klingt, dieser wahnsinnige Text. Goethes Sätze zu sprechen, da fühle ich mich wie ein Gourmet im Feinschmeckerrestaurant.

ZEIT: Marathonläufer sagen, dass sie ab einem gewissen Punkt wie in Trance laufen. Haben Sie das auch schon gespürt?

Rudolph: Man wird im Laufe des Stücks schon maschinenmäßiger. Das ist aber gefährlich. Als Läufer kann ich meine Schritte setzen wie ein Roboter. Auf der Bühne ist es wichtig, den Text immer wieder neu zu denken.

ZEIT: Kann das Publikum Sie unterstützen?

Rudolph: Wenn 50 lahme Leute vor einem sitzen, ist es schwierig, acht Stunden durchzupowern. Auf der anderen Seite ist es aber auch so, dass mir der Faust auch allein extrem Freude macht. Ich würde mich auch ohne den Applaus mit ihm auseinandersetzen.

ZEIT: Und was ist, wenn Zuschauer zwischendurch gehen?

Rudolph: Bei der Aufführung macht mir das nichts. Ich weiß ja, dass es oft nicht mit der schauspielerischen Leistung zusammenhängt. Manche müssen einfach aufs Klo oder sind zu kaputt.

ZEIT: Schon mal daran gedacht aufzugeben?

Rudolph: Gedacht schon, aber dann doch nie gemacht.

Faust I + II, 5. Mai, 15.30 bis 23.45 Uhr, Thalia Theater