Verlage und Buchhandel sind, allen Klagen über die Auswirkungen der digitalen Revolution zum Trotz, im Ganzen noch immer profitable Wirtschaftszweige, die in Deutschland zum Glück durch zwei wichtige spezifische Instrumente geschützt sind: Ihre Produkte unterliegen der Buchpreisbindung, und sie werden nur mit einem Mehrwertsteuersatz von 7 Prozent belegt. Verlage sind keine Urheber. Sie verdienen am "gedruckten" Wort, nicht am erdachten.

Anders stellt sich die Situation auf Autorenseite dar: Der Autor erhält vom Staat keine Subventionen. Auch das Steuerrecht begünstigt ihn nicht: Anders als Unternehmen kann er Gewinne in guten Jahren nicht mit Verlusten in schlechten Jahren verrechnen. Seine soziale Absicherung über die Künstlersozialkasse, so wichtig sie ist, fällt in den allermeisten Fällen nicht höher aus als Sozialhilfe. Anders als die Angestellten oder Eigentümer der Verlage lebt er zumeist in prekären Verhältnissen. Von 400.000 Autoren, die an den VG-Wort-Ausschüttungen beteiligt werden, kann wohl nicht einmal jeder hundertste von seinen Veröffentlichungen leben.

Ein Autor ist nicht erst dann Urheber, wenn er einen Verlag gefunden hat. Er hört nicht auf, Autor zu sein, wenn kein Verlag seine Texte drucken möchte. Dies gilt für Wissenschaftler wie für Literaten. Ihre Arbeit beginnt im Denken, Forschen und Formen, Schweigen oder Sprechen. Es sind Prozesse, die mitunter Jahre in Anspruch nehmen, um dann binnen einer einzigen Nacht niedergeschrieben zu werden (Kafkas Verwandlung). Werke entstehen über Jahre in mühsamen Etappen, entlang einer spezifischen wissenschaftlichen Forschung oder künstlerischen Entwicklung, einer nicht enden wollenden Figurenkonstellation (Musils Mann ohne Eigenschaften). Manches bleibt Fragment und wird dennoch Weltliteratur (Büchners Lenz). Wie viele Texte werden geschrieben und müssen geschrieben werden, für die Löschtaste, das Feuer, die Schublade? Wir brechen ab, verwerfen, vernichten, verdichten, denken neu und anders. All dies geschieht unabhängig davon, ob ein Verlag den Text jemals zu Gesicht bekommt oder mit Erfolg veröffentlicht. In diesen Schaffensphasen spielen Verlage meist keine Rolle.

Die Haltung der Verlage entbehrt des Sinns für Gerechtigkeit

Nun hat der Bundesgerichtshof entschieden, dass Verlage – anders als bisher praktiziert – nicht an der Ausschüttung durch die VG Wort beteiligt werden dürfen, sondern dass diese Gelder alleine den Urhebern, also den Autoren, zustehen. In meinen Augen ist es zynisch, wenn die Verlage sich nun als zarte, schützenswerte Pflänzchen aufspielen und die Politik anrufen, um sich einen ihnen vermeintlich zustehenden Anteil von der VG-Wort-Ausschüttung zu erstreiten. Es entbehrt des Sinns für Gerechtigkeit. Ja, Verlage stehen unter wirtschaftlichem Druck – aber warum soll es ausgerechnet das Geld der Autoren sein, das diesen Druck lindert? Warum ausgerechnet das Geld der schwächsten Glieder in der Kette, die vom Verkauf eines einzelnen Buches am wenigsten erhalten: 10 Prozent pro verkauftes Exemplar (Verlag und Handel müssen sich die restlichen 90 Prozent teilen). Woher stammt die Überzeugung, dass unsere literarische Landschaft ärmer wird, wenn die Verlage ihr Geschäftsmodell anpassen müssen, während es offenbar wenig interessiert, dass das Durchschnittseinkommen von Autoren im vergangenen Jahr etwa 19.000 Euro betrug?

Dass selbst die Kulturstaatsministerin und der Justizminister nun fordern, die Gesetzeslage müsse schnellstmöglich geändert werden, um die bisherige rechtsferne Ausschüttungspraxis der VG Wort in Zukunft beibehalten zu können, ist erstaunlich. Ohne Text kein Verlag. Wer denkt an die Autoren, wer sieht, dass ihr Schaffen den Literaturbetrieb erst ermöglicht, von dem dann die wenigen Stars, die Verlage und Buchhändler, die Vermittler und Kritiker leben? Die Autoren sind es, die jene vielseitige literarische, wissenschaftliche und politische Schriftkultur schaffen, ohne die eine Demokratie nicht funktionieren kann. Da es keine Korrelation zwischen der Qualität einer schriftstellerischen Arbeit und ihrem pekuniären und verlegerischen Erfolg gibt, sollte insbesondere bei treuhänderisch tätigen Verwertungsgesellschaften ein solidarisches Verteilungsprinzip allein zugunsten der Autoren gelten – und möglicherweise unabhängig von der quantitativen Präsenz eines jeden Autors auf dem Markt. Reich kann ein Schriftsteller in Deutschland kaum werden. Er sollte schlicht honoriert werden als das, was er ist: Urheber seiner Werke.

Julia Franck, Jahrgang 1970, ist Schriftstellerin und lebt in Berlin. Mit ihrem Roman "Die Mittagsfrau" gewann sie 2007 den Deutschen Buchpreis.