Wenn man so will, arbeitet Wade Black in der Kathedrale des Kapitalismus. Im Rockefeller Center, mitten in New York. Die Eingangshalle ist mit Fresken ausgemalt: rauchende Fabrikschlote in Gold, dampfende Eisenbahnen, schwebende Zeppeline, ein Hoch auf Fortschritt und Industrie.

Wade Black sitzt im siebten Stock. Wenn man den edelholzgetäfelten Aufzug nimmt, landet man in einem schmalen Gang. Ganz am Ende, neben der Vertretung der South China Airways, finden sich eine Klingel und ein unauffälliges Schild: Scarsdale Equities, eine kleine Investmentfirma mit 30 Mitarbeitern, die Aktien verkauft und Börsengänge organisiert. Black, 42, trägt an diesem Tag ein kariertes Holzfällerhemd. Mit der runden Brille sieht er aus wie ein Mathematiklehrer. Doch er ist Chief Operating Officer, das heißt, er leitet das operative Geschäft von Scarsdale.

Das Unternehmen ist eine von Hunderten kleiner Investmentfirmen in Manhattan, Black ist einer von Zehntausenden, die hier mit Wertpapieren handeln. Aber er gehört an der Wall Street zu einem winzigen Kreis von Außenseitern, nicht größer als ein paar Dutzend Leute. Black unterstützt den Präsidentschaftskandidaten Bernie Sanders, einen Sozialisten, der der Wall Street den Kampf angesagt hat. Sanders fordert eine Zerschlagung großer Banken wie JPMorgan Chase, Bank of America und Citigroup. Er will die Branche zu strikteren Regeln und höheren Abgaben zwingen. "Prima Ideen", sagt Black. Er hat für Sanders’ Wahlkampf Geld gespendet.

Black glaubt es wirklich: Sanders’ radikale Maßnahmen hätten eine reinigende Wirkung

Auch Black ist klar, dass Sanders seit den jüngsten Vorwahlen kaum mehr Chancen hat, von den Demokraten nominiert zu werden. Aber sein Bekenntnis zu "Bernie" ist ein Weg, seinem Ärger Luft zu machen: Black ist unzufrieden mit dem Zustand seiner Branche. "Die Leute, die für den ungezügelten freien Markt plädieren, wollen das zu ihren Gunsten ausnutzen." Ein freier Markt brauche Transparenz und klare Regeln, sagt Black. Und davon sei die Wall Street heute weit entfernt. Sanders’ radikale Maßnahmen hätten eine reinigende Wirkung auf Manhattans Finanzbranche.

Neulich, beim Steakessen, erzählte Black seinen Kollegen, für wen er gespendet hat. Die hielten das zunächst für einen Witz. Zwar bekommen die Demokraten viel Geld und viele Stimmen von der Wall Street. Lloyd Blankfein zum Beispiel, der Boss von Goldman Sachs, unterstützt Hillary Clinton. Aber Sanders? Jede Rede des 74-Jährigen gipfelt in einer Attacke gegen die Raubtierbanker. Als bekannt wurde, dass einige dieser Banker Bernie Sanders unterstützen, fragte ein Reporter des TV-Senders Fox Business ungläubig, ob die Banker "eine Heroinspritze im Arm" stecken gehabt hätten, als sie ihren Scheck für den Kandidaten schrieben.

Black hat keine Spritze im Arm, er hat Zweifel im Kopf. Er gehört zu jenem Teil der Wall Street, über den man im Fernsehen wenig erfährt. Er sitzt weit weg von dem 2,1 Milliarden Dollar teuren Bau, mit dem sich Goldman Sachs im Finanzdistrikt ein Denkmal gesetzt hat. Oder von dem Hauptquartier von J.P. Morgan an der noblen Park Avenue, das fast einen ganzen Häuserblock einnimmt. Von Vergütungen wie den vier Milliarden Dollar, die Hedgefonds-Guru John Paulson in einem Jahr kassierte, haben Black und seine Kollegen nur in der Zeitung gelesen.

Und doch tut Black genau das, was die Wall Street für die Wirtschaft und damit für die Allgemeinheit so wichtig macht: Er sammelt Geld von Sparern ein und investiert es für sie in Unternehmen, die damit neue Maschinen und Geschäfte finanzieren – und Arbeitsplätze schaffen. Dafür bekommt Blacks Firma Scarsdale eine Vermittlungsgebühr. Black und seine Kollegen sind das Scharnier zwischen der abstrakten Finanzwelt und der handfesten Realwirtschaft. So unentbehrlich sind sie, dass sich nicht einmal Präsident Obama traute, sich mit ihnen anzulegen.