Sinnfreie Werbung ist ein Privileg unserer Zeit. Man schaltet den Fernseher ein, und eine bittersüße Sehnsucht überkommt einen, weil jemand in anregender Weise einen Löffel Schokopudding an die Lippen führt. Tränen der Rührung treten in die Augen, weil irre niedliche Hunde als Hotdog verkleidet auf eine Heinz-Ketchup-Flasche zulaufen. Waschmittel und schlappe Brötchen, jeder beliebige Gebrauchsgegenstand kann heute eine Aura umgeben, wenn eine Werbeagentur es so will.

Welche Generation in der Menschheitsgeschichte hat jemals den Alltag so nah an der eigenen Emotionalität verbringen dürfen?

Wer aber meint, unsere Gefühligkeit werde nun allerorts schamlos ausgenutzt, hat die deutschen Volksparteien vergessen. Die Berliner SPD stellte auf ihrem Parteitag vergangenes Wochenende ihren Slogan für den Wahlkampf vor: "Hauptsache Berlin". Dieser Slogan ist nicht vollkommen neu. Ein Berliner Frisörsalon heißt ebenfalls so. Und vor acht Jahren hat die Berliner CDU genau diesen Spruch für ihren Wahlkampf verwendet. "Es ist natürlich ärgerlich", sagt der SPD-Landesgeschäftsführer Dennis Buchner dazu. Allerdings sei es "auch nicht so ganz einfach, solche Slogans zu finden. Alles mit Zukunft, Schwerpunkt, Hauptsache ist irgendwie schon gesagt worden in 60 Jahren Wahlkampf und 16 Bundesländern." Man mache sich aber keine Sorgen, von der CDU verklagt zu werden, denn: "So harmlose Kombinationen wie Hauptsache, Berlin kann man nicht als Marke schützen lassen."

Eine gewisse Gemütlichkeit im Auftritt erschien ja bis vor Kurzem nicht unsympathisch. Allerdings gibt es jetzt auf der Welt ein paar Leute, für die zum Thema Zukunft nicht schon alles gesagt ist. Die AfD hat ebenfalls am vergangenen Wochenende getagt. Dort arbeitet man mit Imperativen und Ausrufezeichen. In den USA macht Donald Trump einen Wahlkampf, der, wie selbst seine Anhänger einräumen, auf nichts anderem als starken, aber uneindeutigen Gefühlen beruht. Die Volksparteien sind doch der Stolz der Demokratie, mit ihrem Willen zur Transparenz und ihrem Ringen um Konsens. Es wäre vollkommen in Ordnung, wenn sie ab und zu verkleidete Hunde oder Frauenlippen einsetzten, um uns die Dringlichkeit der Lage bewusst zu machen.