Mein Nudelsieb, mein Nudelsieb. Ich hatte zu Hause in Hamburg das metallene Nudelsieb aus dem Küchenschrank geholt und mir übergestülpt über den Kopf und es tief in das bei näherer Betrachtung im Licht der Jahre doch recht lappig gewordene Gesicht gezogen. Gleich ein Selfie gemacht, um zu sehen, wie es wirkt. Furchterregend! Durchgeknallt! Plemplem! So wollte ich durch Zürich gehen. Vor Dada den Hut ziehen, indem ich das Sieb aufsetze; in Zürich mich selbst vergessend und die Stadt und die Schweiz gleich mit. Welches andere europäische Zentrum böte sich zu solchem Schabernack an?

Es ging dann schon damit los, dass ich das Nudelsieb nicht einpackte, weil es das Handgepäck gesprengt hätte. Unterwegs aufsetzen wollte ich es nicht, weil ich womöglich gleich am Flughafen festgehalten worden wäre als Gefahr für die Sicherheit des Luftverkehrs. Wer ließe gern einen Mann an Bord, der in 10.000 Meter Höhe das Wasser abgießen will?

Zudem bekam ich Schiss vor der Stadt selbst. Zürich ist ja so spießig. Es ist die reichste und sicherste und aufgeräumteste Metropole zwischen London und Peking, und ich zweifelte plötzlich, ob ein Nudelsieb auf dem Kopf damit vereinbar wäre, Dada hin oder her. Vielleicht erst einmal schauen, wie es um die Toleranz am Ort bestellt ist? Als Ausländer steht man hier mit einem Bein im Gefängnis.

Schon gleich nach der Landung sehe ich mich in meinem Argwohn bestätigt. Zwar winkt einem Dada von allen Seiten zu, hier eine Ausstellung, dort eine Soiree, Dadabilder sogar im Hoteltreppenhaus, aber das Leben draußen ist das Gegenteil von Dada. Zürich läuft wie ein Uhrwerk, ein Rädchen greift ins andere, nichts stört den geräuschlosen Lauf der Dinge. Zürich ist ein Ort zum effektiven Arbeiten, in dem auf alles Verlass ist, auf den Bus, die Tram, die Bahn, und arbeiten müssen auch alle Zürcher, weil sie sich ihr Dasein in dieser Stadt sonst nicht leisten könnten. Das Dadasein kann sich deshalb schon gar niemand leisten. Dada ist ein Glücksfall für das Stadtmarketing. Sieh mal dada, wie verrückt unsere Stadt vor hundert Jahren war!

Dabei war sie gar nicht verrückt vor hundert Jahren. Ein paar Künstler waren verrückt, die in einem Lokal hockten, das sie Cabaret Voltaire nannten und in dem sie die Nacht zum Tag machten, bis den Nachbarn der Geduldsfaden riss, und der war dünn.

Meistenteils waren diese Künstler auch keine Schweizer, sondern Flüchtlinge, die sich hergerettet hatten vor den blutigen Fronten des Ersten Weltkrieges. Refugees Welcome 1916. Jedenfalls wurden sie geduldet, liberales Asylrecht, anders als heute, wo um jeden arbeitswilligen Zuwanderer ein Riesentheater gemacht wird, bis er hinter einem Ausgrenzungszäunli verschwunden ist.

Damals waren es die Künstler, die Theater machten, sangen, tanzten, Lautgedichte performierten oder den Zürcher Bürgern in seltsamen Kostümierungen entgegentraten. Dada war die Negation all dessen, was vorher war. Die Feier einer Gegenwart, die keine Zukunft mehr zu haben schien. Ein wegweisendes Tohuwabohu aus niederer Kunst und höherem Blödsinn. Der Unsinn war die letzte Zuflucht, da jeder Sinn in den Schützengräben stecken geblieben war.

Mein Nudelsieb: Sieht es nicht aus wie ein durchlöcherter Helm? Ein Gedächtnis wie ein Sieb, um die Schrecken Europas zu vergessen.

Die Zürcher Selbstvermarktung 2016 erinnert hingebungsvoll an das Künstlertum von damals; welch ein Alleinstellungsmerkmal in der Konkurrenz der Metropolen – Zürich, Wiege des Dada! Unfug aus Zürich befruchtet die Welt! Für einmal sind die Schweizer nicht für sich in ihrem staatlichen Berggefängnis aus Gletschern, Gold und Neutralität, sondern Vorreiter einer globalen Bewegung. Wenn die inzwischen mausetot ist: umso besser, dann kommt sie schön ins Museum. Dada ist die offizielle Chiffre für Was-waren-wir-lustig-und-weh-tut-es-auch-nicht-mehr.

Wie dada ist Zürich wirklich? Oder wie nüchtern, verrückt, kühn, langweilig, eng?

Zunächst fällt das Samtene, Gediegene und Falbe der Stadt auf, das Gewachsene. Gelblich, grau, ockrig, braun. Es gibt keine krassen Farben, Dauer hat sich auf alles gelegt. Krumme Gassen zwischen alten Häusern ohne den Zerstörungshorizont, wie ihn deutsche Städte haben, die nach der Bombardierung vor sieben Jahrzehnten nur noch aus Ruinen bestanden und mal originalgetreu, mal freihändig wieder aufgebaut wurden.

Die Nichtzerstörung der Schweiz hat den Wohlstand befördert, zugleich den Konservatismus genährt. In Zürich gehen die Uhren so genau wie nirgendwo sonst und zugleich deutlich langsamer. Zürich ist eine Hauptstadt der Pünktlichkeit, nicht der Hektik. Kein traffic jam wie in London, kein Gewimmel auf den Bürgersteigen wie in Paris.

Die Zürcher in den Öffis, den öffentlichen Verkehrsmitteln, sind auf eine unspektakuläre Weise gut angezogen. Edles Tuch, zurückhaltende Eleganz. Sie haben so viel Geld, dass sie weder an der Kleidung sparen noch sie präsentieren müssen.

Seine böse Seite zeigt Zürich in der Preisgestaltung. In der Brasserie Schiller neben der Oper kostet der Teller Nudeln mit ein paar Oliven, Kapern und Tomaten 28 Schweizer Franken, in Euro fiele der Betrag kaum niedriger aus. Wohl bekomm’s! Nebenan im NZZ-Shop, dem Laden der Neuen Zürcher Zeitung, können Abonnenten ein Reisetäschli schon für 494 Franken mitnehmen, Nichtabonnenten zahlen etwas mehr.

Zürich ist, finanziell gesehen, eine Blutung. Das Portemonnaie macht fortwährend Entleerungsgeräusche. Man kann sich hier als Deutscher arm fühlen – oder, wenn man das bittere Gefühl nach ein paar Tagen zu ignorieren beginnt, verarmen. "Super Preise" steht an manchem Laden; man weiß nie, wie das gemeint ist.

Der prohibitive Wechselkurs stellt sich jedem normalen Tourismus in den Weg. Geradezu lustvoll erzählen Zürcher von Russen und Asiaten, die ein Taxi heranwinken, um sich für ein Bündel großer Scheine nach St. Moritz fahren zu lassen. Man belächelt sie, doch Eindruck machen sie schon. Es ist nämlich nicht so, dass die Schweizer aufs Geld nicht achten würden, bloß weil sie es haben. "Legen Sie Ihr Geld in Dada an!", forderte das Zentralamt für Dadaismus schon im Jahre 1919, ohne dass es zu nennenswerten Einzahlungen gekommen wäre.

Unter der Bahnhofstrasse soll das gehortete Gold der Schweizer Banken liegen; oberhalb des Pflasters sorgt das für ein gehobenes Niveau. Beim Haushaltswarengeschäft Sibler an der Storchengasse sehe ich ein bildschönes Nudelsieb in der Auslage. Bildschön ist auch die Frau, die es nach Art einer Handtasche am Arm trägt. Sie ist gertenschlank, in ein eng anliegendes schwarzes Kleid gehüllt, das über dem Knie in einem transparenten Raster ausläuft. Man weiß nicht, was sie mit dem Sieb vorhat, geschweige denn, was sie im Sinn hat, denn ihr Kopf fehlt auf dem Bild. Die kopflose Hausfrau! Das Plakat ist Teil einer Küchenmodenschau mit Töpfen, Pfannen und Brettern, "Must-haves für den Haushalt". Das ist so dada, das kann man sich gar nicht ausdenken. Was muss dieses Shooting gekostet haben?

Und was wird dann erst das Sieb kosten? Es ist nicht ausgezeichnet. Viele Geschäfte schreiben keine Preise an die Waren. Es versteht sich ja von selbst, dass es teuer ist. Ich kann auch nicht fragen, denn es ist abends kurz nach halb acht. Dies ist der einzige Kundenschutz, den Zürcher Läden zu bieten haben: Sie sind meistens zu. Zu der Zeit, in der in Großstädten sonst das Leben tobt und das Geld über den Tisch geht, sitzen die Zürcher Geschäftsleute längst beim Geschnetzelten.