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Irgendwann muss ein einzelner Italiener beschlossen haben, die deutschen Kleinsparer zu ruinieren. Glaubt man den Schlagzeilen, dann ist Mario Draghi ein "selbstherrlicher" Chef der Europäischen Zentralbank, der "wie eine Dampfwalze" über rechtliche Bedenken hinwegrollt und ohne jeden Grund entschieden hat, die Zinsen im Euro-Raum so weit zu senken, dass er damit die Bürger "enteignet". Das alles liest sich, als gäbe es keinen Kontext zu Draghis Tun, als hätte er sich die Niedrigzinspolitik einfach so ausgedacht. Dabei könnte es doch sein, dass ihn politische Fehlentscheidungen bei der Euro-Rettung dazu zwingen.

Ein zweites Beispiel: In der Flüchtlingsdebatte hieß es lange Zeit, ein Staat könne seine Grenzen heute gar nicht mehr schließen. Dann zeigten die Balkanstaaten, dass dies kurzfristig zumindest sehr wohl geht. Warum aber möglich wurde, was doch angeblich nicht möglich war – auch damit blieben die Bürger ratlos zurück.

Nur zwei Beispiele sind das, die zeigen, dass man die Dinge eben immer auch anders sehen kann. Und dabei fällt auf, dass es diesen anderen Blick auf die Dinge in vielen gesellschaftlichen Debatten inzwischen fast gar nicht mehr gibt.

Die Kanzlerin konnte ihre Politik ändern, ohne diese Veränderung erklären zu müssen

Womit wir bei der Rolle der Beobachter und Erklärer wären: der Journalisten. Nur 49 Prozent der Deutschen glauben laut einer Studie des Bayerischen Rundfunks, dass die Medien Sachverhalte so wiedergeben, wie sie wirklich sind. 61 Prozent meinen, die Medien gingen zu wenig auf die Folgen der Entscheidungen von Politikern und Managern ein. 66 Prozent sagen, die Medien vereinfachten zu sehr.

Viele Leser und Zuschauer haben wahrscheinlich weder Zeit noch Lust, sich mit allen Themen bis ins kleinste Detail zu beschäftigen. Aber sie sind auch nicht dumm. Sie durchschauen es, wenn Journalisten zuspitzen, übertreiben, weglassen. Wenn die Bürger aber glauben, dass Journalisten ihren Job nicht so gut machen, wie sie ihn machen sollten (und könnten!), dann ist das mehr als ein Medienthema. Denn jede demokratische Gesellschaft lebt davon, dass genau hingesehen wird; dass Zusammenhänge beschrieben und erklärt werden; dass Ursache und Wirkung von politischen Entscheidungen dargestellt und hinterfragt werden.

Angela Merkel ist die Meisterin des fehlenden Kontexts, der Entkoppelung von Ursache und Wirkung. Nur so funktionierten im Übrigen ihre beiden spektakulären Wenden – die Energiewende und die Wende in der Flüchtlingspolitik.

Nach Fukushima warf Merkel ihre bisherige Einstellung zum Atomstrom über den Haufen – obwohl das sogenannte Restrisiko, mit dem sie ihren plötzlichen Politikwechsel begründete, nicht höher war als zuvor. Auch in der Flüchtlingsfrage zeigte sie sich von zwei unterschiedlichen Seiten. Im Spätsommer war sie die moralisch Gute, die als Einzige unter den europäischen Regierungschefs noch Herz bewies. Wenn das nicht mehr möglich sei, "dann ist das nicht mehr mein Land", sagte sie. Doch dieselbe Merkel behandelt Flüchtlinge inzwischen wie eine Art Austauschware, die man beliebig per Flugzeug zwischen der Türkei und der EU hin- und hertransportieren kann. Im Licht der heutigen Maßnahmen wirken ihre Worte von damals wie hohle PR.

Es gibt derzeit kein größeres, kein wichtigeres gesellschaftliches Thema als die Flüchtlingsfrage. Und trotzdem konnte die Kanzlerin ihre Politik ändern, ohne diese Veränderung wirklich erklären zu müssen. Das ist die Parallele zu Fukushima. Und so haben Angela Merkels vermeintliche Unangreifbarkeit und ihre politische Stärke womöglich weniger mit starker Politik, sondern mehr mit der Schwäche ihrer Beobachter zu tun.

Viele Bürger spüren sehr gut, wenn etwas nicht stimmt. Und da geht es nicht um den abwegigen Vorwurf, die Medien seien von dunklen Mächten im Hintergrund gelenkt. Aber die Leser und Zuschauer merken, dass Journalisten häufig genug auch nicht mehr wissen als sie. Dass sie bei ihren Recherchen an Grenzen stoßen und auf Widersprüche aufmerksam werden. In einer immer komplexer werdenden Welt kann das gar nicht anders sein.

Die beste Antwort darauf ist jedoch nicht, keine Zweifel zuzulassen. Oder (um auf der sicheren Seite zu sein) nur zu schreiben, was andere schreiben. Gut wäre es, die Welt so widersprüchlich darzustellen, wie sie ist. Immer wieder hartnäckig nachzufragen. Die Politik zu Erklärungen zu zwingen. Und den Kontext von Entscheidungen zu zeigen. Das würde die Medien stärken. Und, wichtiger noch, die Demokratie.

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