Sie läuft tatsächlich ein Treppengeländer hoch, das Samurai-Schwert mit beiden Händen umklammert. Links und rechts gehen ihre Gegner zu Boden, und oben warten schon die nächsten niederzumetzelnden Schurken. Für so eine Aktion braucht man das entsprechende Schuhwerk, am besten Sneakers, die sind leicht, und man rutscht mit ihnen nicht weg.

Uma Thurman in Kill Bill, ihr Outfit ist legendär: Trainingsanzug und ebendiese Turnschuhe in Schwarz-Gelb. Das Modell heißt Mexico 66 und ist von Onitsuka Tiger, einer ursprünglich japanischen Firma, die mittlerweile unter dem Namen Asics firmiert. Der Kung-Fu-Star Bruce Lee trug dieselben Schuhe, 1978 in Game of Death, und weil Kill Bill-Regisseur Quentin Tarantino ein Faible für Zitate hat, lässt er Thurman in diesen für Tai-Chi entwickelten Sneakers auftreten. Die Sohle wurde mit einem Spruch verziert: "Fuck U" ist das Letzte, was die Prügelknaben der Killerin zu sehen kriegen.

Der Kill Bill-Look ist eines der vielen anspielungssatten Motive der Ausstellung, denn die Geschichte des Sneakers (von to sneak: schleichen, heranpirschen) ist zugleich eine der Popkultur. Deshalb hängt gegenüber dem Bild der Schwertartistin, ebenfalls in Lebensgröße, die Rap-Gruppe Rund DMC. Mit dem Song I Love My Adidas machten sie Turnschuhe Anfang der Achtziger zum Bestandteil eines urbanen, hippen Lebensstils. 1986, bei einem Konzert in Philadelphia, forderten sie die Fans auf, ihre Sneakers in die Luft zu halten. Der Manager der Gruppe schickte einen Videomitschnitt an die Leute von Adidas, und die waren so begeistert, dass sie gleich eine Run-DMC-Edition auflegten.

Mode, Business und Subkultur sind die Materialien, die in der Sneaker-Historie feinmaschig verwoben sind. Kurator Jürgen Döring fächert diese Textur auf: mit über hundert berühmten, berüchtigten und skurrilen Modellen; mit Werbeclips und Plakaten großer Kampagnen; mit Porträts der maßgeblichen Firmen, von Asics über Converse bis zu Puma, Reebok und Vans.

Adidas und Nike sind zentrale Größen dieser Schau, das liegt am Talent der beiden Marken, sich trittsicher auf dem Parcours des Zeitgeists zu bewegen. Adidas hat die Hip-Hop-Kultur wie keine andere Marke inspiriert und instrumentalisiert. Die Verpflichtung des Rappers Kanye West für eine Kollektion war womöglich einer der größten Scoops der letzten Jahre, die Aufmerksamkeitsökonomie betreffend. Die sogenannten Yeezy-Modelle werden von Turnschuhverrückten (im Jargon: Sneakerheads) mit religiöser Hingabe erwartet, es ist quasi epiphanisches Schuhwerk, das seine Besitzer in höhere Zustände des popkulturell verdichteten Seins befördert.

Rund 300 Euro kostet ein Paar, die Auflage ist auf weltweit 3.000 Paar Schuhe begrenzt. Auch die Anzahl der Läden, in denen die Schuhe zu kaufen sind, ist limitiert. Einzelhändler buhlen um die Verkaufslizenzen solcher Design-modelle. Bei Nike heißen die Shops dann Hyper Strike oder Quick Strike – es klingt wie das Codewort für einen Einsatz der Navy Seals, aber das ist es im Grunde auch: eine konzertierte Aktion, bei der Kunden durch die Fetischisierung des Produkts überwältigt werden. Sneakerheads kampieren tagelang vor den Geschäften und gehen für den erhofften Distinktionsgewinn auch schon mal über Leichen: 2014 wurden in Amerika zwei Teenager erschossen, weil sie sich in der Warteschlange vorgedrängelt hatten.

Wer keinen Yeezy abbekommen hat und nicht über die vierstelligen Euro-Beträge verfügt, mit denen die Schuhe, Minuten nach ihrem Ausverkauf, im Netz gehandelt werden (über sechs Milliarden Euro sollen Privatleute letztes Jahr mit Wiederverkäufen umgesetzt haben), kann sich das Modell in der Ausstellung anschauen – und sich noch mal vor Augen halten, dass das Begehren nicht zwangsläufig eine Sache der Ästhetik ist. Eigentlich ist der Yeezy mit seinem Oberleder im Raufaserlook und dem fleischfarbenen Innenfutter ein unansehnlicher Schuh. Aber er hat eben eine Aura, technische Reproduzierbarkeit hin oder her.

Und so ist der Sneaker gerade kein Leisetreter: Er paradiert durch alle Milieus und alle Generationen, ist längst nicht mehr nur Accessoire der Grunge-Kids (Chucks), der Britpop-Hörer (Adidas Gazelle) oder Skater (Vans). Zurzeit ist er in Weiß das It-Utensil der Saison. Das kann man überprüfen – bei der Ausstellung auf die Schuhe der Besucher achten!

Museum für Kunst und Gewerbe, 13. 5. bis 28. 8., Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10–18 Uhr, Donnerstag 10–21 Uhr, Montag geschlossen