Pep Guardiola steht regungslos ein paar Meter vor der Trainerbank im Schatten und beobachtet, wie sich seine Spieler ihre roten Meistershirts überstreifen. Wenn es schon keine Bierdusche gibt, dann wenigstens dieses eine Symbol des Glücks. Die müden Helden sinken in der Sonne von Ingolstadt vor den mitgereisten Fans aus München auf den Rasen und lassen die Arme im Takt des Gesangs tanzen: "Es gibt nur einen deutschen Meister, nur den FCB!"

Ja, dieser eine FCB war für drei Jahre Guardiolas Arbeitsstätte. Welche Traumkonstellation: Ein Begnadeter dirigiert einen Chor Hochbegabter. Als hätte Simon Rattle diese Mannschaft übernommen, verzückten sie über weite Strecken mit ihrem Rhythmus- und Taktgefühl die Herzen der Fans. Drei Meisterschaften haben sie gemeinsam gewonnen, nächste Woche könnte der zweite DFB-Pokal hinzukommen. Bald wird der Dirigent sein Ensemble verlassen, er zieht weiter nach England. Was jedoch wird von ihm in Erinnerung bleiben?

Auch Guardiola hält ein Meistershirt in der Hand. Jetzt faltet er es auseinander, "4ever" steht in Anlehnung an den vierten Meistertitel in Folge auf der Brust. Er betrachtet den Schriftzug, legt das Kleidungsstück zusammen und wirft es über die rechte Schulter. Es ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt zum Kostümieren. Das "Timing", wie er es nennt, ist für ihn der Schlüssel zum Erfolg. Guardiola empfindet das richtige Timing in der Kommunikation als mindestens so bedeutend wie den Zeitpunkt für den richtigen Pass.

Im Erfolg, schreibt Rainer Maria Rilke, den der Katalane gerne zitiert, sei man sich so nahe wie in der Trauer, weil die Stimmung die Einzelnen zu einem Kollektiv verschmelzen lasse. Wenn das stimmt, warum spürt man dann in diesem Augenblick des größtmöglichen nationalen Triumphs eine Distanz zwischen dem Schattenmann Guardiola und der jubelnden Masse? Warum bloß kann er sich nicht freuen? Das weiße Hemd, der Seidenpullover, Krawatte, der maßgeschneiderte graue Anzug, all das wirkt inmitten der roten Clowns wie ein Schutzschild.

"Ich habe bis zur letzten Minute mein Leben für diese Spieler und diesen Verein gegeben", sagt Guardiola. Der Verein hat sich auch aufgeopfert, vielleicht sogar noch ein bisschen mehr. Und trotzdem ist zwischen dem FC Bayern und Pep Guardiola keine wahre Liebe entstanden.

Als er im Sommer 2013 beim FC Bayern vorgestellt wurde, empfingen ihn mehr als 240 Journalisten aus elf Nationen. Umringt vom ehemaligen Bayern-Präsidenten Uli Hoeneß und dem Vorstandsvorsitzenden Karl-Heinz Rummenigge, eröffnete der Mediendirektor die Runde mit den Worten "Das ist die größte Pressekonferenz in der Vereinsgeschichte". Überhaupt wirkte damals alles größer und schöner als je zuvor. Wie glücklich sie waren, diesen Erlöser empfangen zu dürfen. Wovon, fragt man sich heute, sollte dieser Ästhet den Verein samt Publikum eigentlich befreien? Die Zusammenkunft war ein Experiment, das war allen Beteiligten schon damals klar. Es ging von Anfang an um die Frage: Wie weit würde der andere bereit sein, sich von seinen Verhaltensmustern, seinen Wert- und Qualitätsmaßstäben zu distanzieren, ohne sich dabei zu verlieren? Beide strotzten vor Stolz, sie trafen sich auf dem Höhepunkt des Erfolgs: Die Bayern hatten soeben das Triple gewonnen, und Guardiola hatte vor der selbst gewählten Auszeit mit dem FC Barcelona 14 Titel in drei Jahren geholt, darunter zwei Champions-League-Siege.

Diese verdammte Königsklasse! Natürlich strebten alle danach, sie gemeinsam zu gewinnen. Vergeblich. Die Liaison hätte aber noch viel mehr bieten können, etwas, das noch keinem Verein auf dieser Welt gelungen ist: Ihre Erfahrungen hätten verschmelzen und sich zu einer Einheit formen können, mit der sie nicht nur das Triple hätten gewinnen, sondern den Weltfußball über Jahre hätten dominieren können. Das könnte die wahre Herausforderung dieser Zeit sein, der sich nur Vereine wie Bayern, Barcelona oder Manchester United stellen können, weil sie organisch gewachsen und nicht von Investoren geklont worden sind.

Es war mutig und richtig, dieses Experiment zu wagen. Und vielleicht wäre es gelungen, wenn der 44-Jährige nicht seit seiner Ankunft in München zu einer Heldenfigur verklärt worden wäre, eine Rolle, der er niemals gerecht werden konnte. An dieser Glorifizierung trägt niemand Schuld, sie war die Folge des Respekts vor der Größe dieses Trainers.

Und so gehört es zur Tragik der Geschichte, dass diese Beziehung regelrecht überschattet wurde von übermäßiger Verehrung. Wie sehr ihm die zuwider ist, demonstriert Guardiola 45 Minuten nach Spielende bei der Pressekonferenz in Ingolstadt. Es ist einer seiner letzten öffentlichen Auftritte, nur etwa 40 Journalisten hören ihm noch zu. Viele Kollegen ziehen es vor, sich in der Mixed Zone mit den Spielern zu unterhalten. Mittlerweile hat Guardiola das rote Shirt übergezogen. Symbolik muss für ihn immer einen konkreten Sinn ergeben, auch das ist für ihn Timing, in diesem Moment gehört die Geste zum guten Stil. Und so sagt er, entgegen allem Erwartbaren kurz nach dem Triumph: "Dieser vierte Meistertitel ist für dich, lieber Jupp."