Die Studienstiftung des deutschen Volkes vereint und fördert Menschen, die man heutzutage High Potentials nennt: junge Leute mit sehr guten Abiturnoten und einem Schuss mehr an Motivation und Engagement als der Durchschnitt. Diejenigen, die unsere Gesellschaft in Zukunft prägen wollen. Die sogenannte Sozialerhebung der Studienstiftung, die der ZEIT vorab vorliegt, gibt nun Auskunft darüber, wer dieser zukünftigen Elite angehört.

Die Stipendiaten der Studienstiftung sind demnach keine homogene Masse aus "biodeutschen" Akademikerkindern. Bei knapp jedem Dritten der Geförderten haben weder Vater noch Mutter studiert (bei der ersten Erhebung 2007 war das nur bei etwa jedem Fünften der Fall gewesen – und in der ZEIT Nr. 40/09 wurde die "Selbstreproduktion des deutschen Bildungsbürgertums" kritisiert). Heute stellen jedoch Menschen mit Migrationsgeschichte, in erster, zweiter oder dritter Generation, 18 Prozent der Stipendiaten.

Wenn die Spitze diverser wird, ist Bildung gerechter geworden. Das ist gut. Aber was steckt genau dahinter?

"Wir haben keine Mitleidsquoten eingeführt", sagt Annette Julius, Generalsekretärin der Studienstiftung, "wir haben nur die Zugänge verbreitert." Was sie meint: Die Gutachter in den Aufnahmekommissionen wurden geschult, um "neben dokumentierten Leistungen auch Potenziale zu erkennen". Anders gesagt: Wenn jemand sich täglich darum kümmert, dass die kleinen Geschwister die Hausaufgaben schaffen, ist das nicht unbedingt weniger wert als ein soziales Schülerpraktikum in Simbabwe. Damit gute Schüler, die nicht aus vollständig durchakademisierten Umfeldern kommen, sich überhaupt bewerben, schickt die Studienstiftung Alumni oder Stipendiaten, die selbst aus Einwandererfamilien kommen oder Erstakademiker sind, zu Gymnasien, Schülermessen oder Ersti-Veranstaltungen. Denn, so Julius, es sei noch immer so, dass vergleichsweise viele Schüler aus bildungsfernen Familien sich nicht zum Aufnahmewochenende trauten, selbst wenn sie von ihren Schulen vorgeschlagen wurden.

In der Sozialerhebung sind auch Missverhältnisse zu erkennen, eines besonders: Unter allen Studenten aus Migrantenfamilien, das fand das Deutsche Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung heraus, kommen 56 Prozent aus einem Nichtakademikerhaushalt. Unter den Stipendiaten der Studienstiftung hingegen machte diese Gruppe nur 32 Prozent aus. Relativ gesehen, bekommen also noch immer zu wenige Migranten aus Nichtakademikerfamilien ein Stipendium.

Das scheint indes nicht der Studienstiftung anzulasten zu sein, diese Gruppe der Schüler verliert schon früher. Wie die Erhebung nämlich auch zeigt, spiegelt die Zusammensetzung der Stipendiaten meist die Zusammensetzung der besten fünf Prozent eines Abiturjahrgangs wider. Sehr gute Schüler aus Einwandererfamilien haben sogar eine statistisch bessere Chance, angenommen zu werden; eine Reaktion auf Versäumnisse der Vergangenheit. Zu diesen Topschülern gehören Kinder aus nicht akademischen Migrantenfamilien aber deutlich seltener. Es gibt also noch Potenzial für die High Potentials.