Was ist das für 1 life?

Dass das Internet eine große Zeitvernichtungsmaschine und der Niedergang der Kultur, wenn nicht gar der Menschheit ist: ja, klar. Und total in Ordnung, wenn man mich fragt. Schließlich ist es auch ein Ort, an dem wunderbare Poesie entsteht. Unfreiwillig – was es erst interessant macht. Zurzeit geistert die Phrase "Was ist das für 1 life?" durch Facebook und Twitter, diese Formulierung. Die Mischform aus Internetslang, Deutsch und Englisch ist wunderbar bescheuert, aber auch so lebensschwer und existenzialistisch. Außerdem mag ich, dass man sie auf eigentlich alles anwenden kann, von Beatrix-von-Storch-Fotos bis zur missglückten Verkleidung eines Kiss-Fans. Ich jedenfalls denke zurzeit ständig: Was ist das für 1 life? Was ist das für 1 day? Was ist das für 1 job? Man muss sich solche Fragen auch mal hart gönnen.

DJ Bobo: Somebody Dance with Me (Live Version Dance Party)

Während Rhythm Is a Dancer von Snap oder From: Disco To: Disco von Whirlpool Productions als Hymnen der Neunziger besungen werden, blieb DJ Bobo diese Art der späten Anerkennung bislang verwehrt. Zu Unrecht. Zur Live-Version seines ersten Hits Somebody Dance with Me kann man, ich habe das probiert, hervorragend mit Freunden nach einigen Flaschen Wein durchs Wohnzimmer torkeln. Vollkommen unironisch. Das Tolle an dem Track ist nicht bloß der schmatzende Bass. Sondern, dass man in jeder Sekunde hört, wie ehrlich, aufrichtig und naiv DJ Bobo alias René Baumann noch an das große Versprechen von Techno und Hip-Hop glaubt, dass es jeder mit einem Drumcomputer und einem Mikrofon mit den coolen Kids aus New York aufnehmen kann. Ich finde das sehr rührend. Natürlich auch, weil ich dieses Versprechen 1992 als Elfjähriger sehr ernst genommen habe – auch wenn ich nie DJ-Bobo-Fan war. Aber wie Bobo hier "Say hey, say ho, say Switzerland" schreit, wie unbeholfen, aber engagiert er rappt, das kriegt mich jedes Mal wieder.

Frances Bean Cobain

Im Jahr, in dem in Luzern DJ Bobos Karriere begann, wurde Frances Bean Cobain geboren, die Tochter von Courtney Love und, natürlich, Kurt Cobain. Ich bin Jahrgang 1980, sein Tod war für mich das erste popkulturelle Ereignis. Cobain war mein erster Rockstar. Knapp zwanzig Jahre später folge ich nun seiner Tochter auf Instagram. Als space_witch666 postet Frances Bean Cobain Clips von Konzerten oder Bilder, die befreundete Künstler von ihr gemalt haben. Sie zeigt den Mittelfinger, sie raucht im Nichtraucherbereich. Wahnsinnig banal. Aber genau das macht es interessant. Denn einerseits sieht das alles so sehr nach Kurt und Courtney aus, nach Grunge und Rebellion. Und andererseits ist es doch total absurd, dass die ganze Wut und Ablehnung hier nur noch Pose, Erbe und Inszenierung ist. Aber so weiß ich jetzt, welche Tees Frances Bean trinkt (Mocha Chai und Crema Earl Grey) und dass sie Poesie-Album-fähige Zitate von René Descartes und Jack Kerouac mag. Ehrlich gesagt, fühle ich mich dabei angenehm ertappt: Dieser Spagat zwischen Rebellion und Inszenierung, das sind die Pole, zwischen denen mein Popkultur-Leben manchmal oszilliert, aber meist bloß schwankt.

Daniel Erk mag auch Erwin Wurm, Maxim Biller und Ja, Panik