Seit dem Heiligen Jahr 2000 sind die deutschen Protestanten offiziell beleidigt. Damals lobte Joseph Ratzinger, der spätere Papst, in seiner Jubelschrift Dominus Iesus die katholische Kirche – und nebenbei, unter Punkt 17, hieß er die protestantischen Kirchen nicht Kirchen, sondern "kirchliche Gemeinschaften". Diese kleine Gemeinheit hätte man leicht ignorieren können. Schließlich war Ratzinger dafür bekannt, dass er die Grenzen des Katholizismus giftig verteidigte. Deshalb nannten sie ihn im eigenen Laden doch auch Panzerkardinal. Und überhaupt. Waren die Protestanten nicht seit Martin Luther von Rom unabhängig? Der Reformverein lebte doch geradezu von der Dreistigkeit, mit der er auf römische Autoritäten pfiff. Luthers Lästereien gegen den Papst ("des Teufels Sau") waren nicht weniger derb als heute Böhmermanns Schmähgedichte.

Doch die Protestanten wollten damals beleidigt sein. Seit Ratzingers beiläufigem Affront fordert die evangelische Kirche vom Vatikan einen Widerruf. Sie will, wie es im theologischen Fachjargon heißt, die "volle Anerkennung". Vielleicht gefällt es den Römern gerade deshalb so gut, verstockt bei der Nichtanerkennung zu bleiben. Im Jahr 2007 setzte Papst Benedikt (der vormalige Kardinal Ratzinger) noch einen drauf und sprach: Wer das Papstamt nicht anerkenne, sei "keine Kirche im eigentlichen Sinn". Unvergessen auch sein Deutschlandbesuch 2011, als evangelische Amtsträger und katholische Reformtheologen auf eine Entschuldigung warteten. Vergeblich. Ratzinger hatte seine Abgrenzung ehrlich gemeint. Das Verrückte war nur, dass sie noch jemanden aufregte!

Wahrlich, wir leben in kirchenfernen Zeiten. Wer heute in Deutschland sagt, er sei Pfarrerskind, der muss mit der Frage rechnen: "evangelisch oder katholisch?" Im Herzland der Reformation, wo die Papstkarikaturen erfunden und die ersten Medienschlachten ums christliche Abendland geschlagen wurden (welches Christentum gehört zu Europa?), können viele Laien nur mit Mühe die eigene Konfession definieren. Man weiß noch: Die einen haben den Papst, die anderen weibliche Pfarrer. Und sonst? Selbst Ratzingers Nachfolger in der Glaubenskongregation, der deutsche Kardinal Gerhard Ludwig Müller, sagt: "Das konfessionalistische Zeitalter ist vorbei." Ja. Fast ein Drittel der deutschen Ehepaare, die sich kirchlich trauen lassen, gehören verschiedenen Kirchen an. Und ein Drittel der jugendlichen Kirchenmitglieder findet die Frage, ob Gott existiere, gänzlich irrelevant. Was also soll an der Trennung der Kirchen relevant sein? Darauf müssen sie gemeinsam antworten, wollen sie überleben.

Die Ökumene sucht das Gemeinsame schon seit dem vorletzten Jahrhundert, aber erst 1999 gelang ihr in Augsburg ein Durchbruch. Dort einigten sich die römisch-katholische Kirche und die evangelisch-lutherischen Kirchen auf eine Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre. Es war das Ende des Konflikts um Luthers zentrale These: Der Mensch erlange Gottes Gnade allein durch den Glauben, nicht durch Beichte, gute Taten oder den Ablass. Dieser These wegen entbrannten in Europa einst Kriege. Ihre Überwindung durch die Theologen nun war so spektakulär, als hätte Luther zum Papst gesagt: "Tut mir leid, dass ich dich Papstesel genannt habe; vielleicht war es nicht die feine Art, romfeindliche Flugblätter in Umlauf zu bringen." Und der Papst hätte entgegnet: "Schwamm drüber, Bruder Martinus, wir haben dich ja auch als Luder beschimpft."

Leider blieb der Friedensschluss der Theologen im Volke unbemerkt. Es fehlte ein Symbol der Versöhnung. Gelingt das 2017? Die deutschen Protestanten feiern dann 500 Jahre Reformation, doch noch immer schmollt die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD). Noch hat sie es nicht über sich gebracht, den Papst offiziell einzuladen – aus Furcht, der könnte durch bloße Anwesenheit den Sinn des Festes verfälschen. Manche Kirchenbeamte fordern, der neue Papst solle zuerst die herabsetzenden Worte des Vorgängers widerrufen. Das sagen sie natürlich nicht laut, sondern ökumenisch korrekt: "Wir sind als Nationalkirche gar kein passendes Gegenüber für ihn!"

Die katholischen Hardliner sind davon entzückt. Sie finden, Franziskus dürfe nur dann zur Party der Protestanten reisen, wenn die sich nach 500 Jahren Irrlehre zum Papsttum zurückbekehren. Aber auch das sagt keiner laut, sondern: "Die Protestanten haben sich doch selbst von uns distanziert!"

Ein Christusfest steht bevor, und die Christen sind uneins. Genauer: Die Kirchenapparate sind es. Sie geben sich nach außen als Freunde, aber bleiben ziemlich beste Feinde. Warum? Aus Trotz? Aus Eitelkeit? Aus Angst, dass ihr jeweils eigener Verein ununterscheidbar werden könnte? Sie grenzen sich ab. Wenn die Altbischöfin Margot Käßmann als Luther-Botschafterin durch die Welt reist, passiert es ihr zwar nur noch selten, dass Bischöfe anderer Konfessionen sich weigern, ihr die Hand zu geben. Aber in Passau hielt ihr der Papstsekretär Georg Gänswein allen Ernstes vor, Frauenordination sei "Verrat an Jesus".

Wer keine Einheit will, will auch keine Einheitszeichen. Es gibt Spitzentheologen in der EKD, die die Reformpapiere von Papst Franziskus nicht lesen. Andernfalls müssten sie nämlich aus ihrer Schmollecke heraus ins Freie treten. Der Neue in Rom benutzt ja erzprotestantische Sätze wie: Ecclesia semper reformanda – die Kirche muss sich immer verändern. Er warnt seine Bischöfe vor Selbstgefälligkeit und macht den Bremsern Beine: Kirche ist kein Museum! Wir müssen uns gemeinsam auf den Weg machen!

Das ist riskant, man weiß ja nicht, wo es endet. Deshalb klammern sich manche Kirchenfunktionäre lieber an letzte konfessionelle Differenzen: Das Amtsverständnis! Die Sakramente! Es ist ihnen egal, dass ihr Kirchenvolk das Abendmahl mit den Protestanten feiern will und dass viele Christen finden: Wer am Tische des Herrn sitzt, entscheiden nicht wir Menschen. Das denken mittlerweile auch die Frontleute der katholischen Kirchenreform, zum Beispiel der Chef der kanadischen Bischofskonferenz. Doch konservative Kirchenbeamte aus der dritten Reihe bestehen auf getrennten Tischen. Sie pflegen eine alte Feindschaft, für die es kaum noch plausible Begründungen gibt. Trotzdem wurde der deutsche Priester Gotthold Hasenhüttl, der die Protestanten 2003 zur Abendmahlsfeier einlud, suspendiert und verlor seine Lehrbefugnis. Hasenhüttl war der Star der ökumenischen Kirchentage, seine Fans drängelten sich wie bei einem Popkonzert, und wichtige Theologen solidarisierten sich mit ihm. Doch die Apparatschiks widerstanden dem Druck von unten.