Der Mann, der nicht gern auf Bühnen sitzt, hat sich an diesem Abend auf einer Bühne niedergelassen, um denjenigen, die nicht recht wissen, wie es weitergehen soll, zu erzählen, wie es weitergehen könnte. Eingeladen hat der Hamburger Presseclub, der Mann auf der Bühne heißt Christian Krug.

Seit Oktober 2014 leitet Krug den stern, Wochenmagazin, bundesdeutsche Institution, Ausrichter des Nannen-Preises, der wichtigsten Auszeichnung für deutsche Journalisten. Jahrzehntelang gab der stern den journalistischen Kurs vor, das Magazin war Heft gewordene deutsche Befindlichkeit. Eine Auflage von fast zwei Millionen Exemplaren war der Höhepunkt, inzwischen sind es noch rund 720.000 Hefte mit insgesamt 6,5 Millionen Lesern.

Für Gruner + Jahr, Europas größtes Medienhaus, ist der stern immer noch das Produkt mit dem größten Renommee. Und eines, das Gewinn macht. Doch wie fast alle Printmedien hat auch der stern mit der Medienkrise zu kämpfen, in der Branche spricht man davon wie von einer Krankheit. Krug soll verhindern, dass die Auflage weiter sinkt. Mehr noch als alle seine Vorgänger muss er versuchen, die Befindlichkeiten der Deutschen zu erspüren. Damit im stern Geschichten stehen, für die sie Geld bezahlen.

Das Bild, das die Deutschen von Christian Krug haben, ist 3,7 mal 3,2 Zentimeter groß. Es erscheint jede Woche über seinem Editorial, mit dem er in den stern hineinführt. Immer beginnt es mit "Liebe Leserinnen, liebe Leser ..." und endet mit einem Superlativ: "Herzlichst, Ihr Christian Krug", der Name handgeschrieben, das G am Ende sehr ausschweifend.

Bevor er Chefredakteur des sterns wurde, leitete Krug das Klatschblatt Gala. Die beiden Magazine eint, dass Fotos eine wichtige Rolle spielen. Der Rest ist ziemlich unterschiedlich. Ein Gala-Mann sei kein würdiger stern-Chef, kritisierten viele, als Krug antrat. Grob gepixelte Celebrities, zu viele Fragezeichen in den Texten, Beautytipps – das passe doch nicht zu einem Reportermagazin!

Von seinem Büro aus kann Christian Krug die Schiffe beobachten, wie sie in den Hafen einfahren. Für diese Aussicht hat er extra den Schreibtisch umstellen lassen. Mit dem Raum verbindet Krug eine lange Geschichte. In ihm wurde er mit 24 Jahren als Reporter beim stern eingestellt, hier wurde er als 25-Jähriger zum jüngsten Ressortleiter des Magazins ernannt, 1999 wurde ihm in diesem Büro gekündigt; er und der damalige Chefredakteur verstanden sich nicht. Nun ist Krug zurück, als Chef, es ist jetzt sein Raum. "Ich liebe ihn, er hat so viel mit mir zu tun", sagt er. "Der stern ist meine journalistische Heimat."

Krug wusste schon früh, dass er Journalist werden will, er war gerade mal fünf. Es war 1970, das Jahr der Fußballweltmeisterschaft in Mexiko, und Krugs Vater interviewte für die ARD Franz Beckenbauer. Dazu muss man wissen, dass der Vater Gerhard mit Vornamen hieß und neben Uwe Seeler für den Hamburger SV gespielt hatte. Nach seiner Sportkarriere wurde er Reporter, auch für den stern. "Was für ein toller Beruf. Da sitzt mein Vater in Mexiko und interviewt einen Nationalspieler!", erinnert sich Krug.

In seinem Berufsleben war Krug bislang oft zur richtigen Zeit am richtigen Ort

Nach dem Abitur bewirbt er sich um eine Lehrstelle als Werbekaufmann, es wird die einzige Bewerbung bleiben, die er in seinem Leben schreiben muss. In Frankfurt lernt er bei der Agentur D’Arcy Masius Benton & Bowles, die Anfang der Achtziger den Fiat Panda zu einer "flotten Kiste" gemacht hat. Krug denkt sich Werbeslogans aus, Geschichten, die minimal Platz haben und maximal knallen müssen. "In dieser Zeit habe ich gelernt, uneitel mit Texten zu sein", sagt Krug. "Als Werbetexter muss man sich daran gewöhnen, 20 Claims zu machen, und dann kommt jemand rein und sagt: Alles scheiße." Seine Überschriften "Die lange Nacht der Zahnspangen" und "Ein Kind ist Gott", beide für den stern, hält er aber bis heute für sehr gelungen.