Jede Berufsgruppe muss damit rechnen, in Film und Fernsehen als Klischee aufzutauchen. Das Stereotyp für Mathematiker wurde bei der Eindeutschung des Films A Beautiful Mind aus dem Jahr 2001 gleich zum Untertitel: Genie und Wahnsinn. Wer sich so intensiv mit Zahlen, Formeln und abstrakten Strukturen beschäftigt, der muss irgendwie einen an der Waffel haben und fürs normale Leben nicht wirklich geeignet sein! Mathematiker selbst hassen dieses Klischee, und viele von ihnen finden, dass ihrer Zunft in dem Film Die Poesie des Unendlichen nun zum ersten Mal Gerechtigkeit widerfährt.  "Vielleicht der beste Film, der je über Mathematik gemacht wurde", schreiben Armando Martino und David Singerman von der University of Southampton im Newsletter der London Mathematical Society. 

Der Film handelt von der wahren Geschichte einer Beziehung, man könnte sagen: der Liebesbeziehung zwischen zwei Mathematikern, die aus sehr unterschiedlichen Welten stammen. Der etablierte Cambridge-Professor G. H. Hardy (gespielt von Jeremy Irons) erhält im Jahr 1913 einen Brief aus Indien. Darin schickt ihm der junge Srinivasa Ramanujan (Dev Patel, manchen bekannt aus Slumdog Millionaire) eine Reihe mathematischer Theoreme, die er offenbar ohne fremde Hilfe im Selbststudium entwickelt hat, und bittet ihn, ihm bei der Veröffentlichung zu helfen. Hardy lädt Ramanujan nach Cambridge ein in der Absicht, aus diesem mathematischen Rohdiamanten einen Edelstein nach westlichem Geschmack zu schleifen.

In den folgenden fünf Jahren entwickelt sich eine Beziehung, die weit über ein Lehrer-Schüler-Verhältnis hinausgeht. Ein jähes Ende findet diese fruchtbare Zusammenarbeit, als Ramanujan an Tuberkulose erkrankt, zurück nach Indien geht und dort 1920 stirbt. Hardy hat später einmal seine eigenen mathematischen Fähigkeiten auf einer Skala von 1 bis 100 bescheiden auf den Wert 25 geschätzt. Dem überragenden Königsberger Mathematiker David Hilbert gestand er 80 zu. Ramanujan aber volle 100.

Doch wie zeigt man solches Können auf der Leinwand? Anders als im Fall von Bäckern, Ärzten oder auch Atomphysikern ist die Arbeit des Mathematikers im Film schwer darzustellen. Sicher, man kann die Protagonisten Formeln an die Tafel schreiben lassen, aber die fördern eher wieder das Klischee von der Unverständlichkeit des Gegenstandes. Den Inhalt dieser Formeln zu erläutern sprengt den Rahmen eines Kinofilms, und so erfahren wir auch in der Poesie der Unendlichkeit nur Ansätze davon (die "Poesie" haben übrigens wieder die deutschen Übersetzer dazugetextet und damit den englischen Titel kräftig weichgespült, er lautet: The Man Who Knew Infinity – "Der Mann, der die Unendlichkeit kannte").

Doch die Quintessenz des Konflikts zwischen dem englischen Bildungsbürger und dem indischen Naturtalent wird klar herausgearbeitet: In der westlichen Mathematik zählen auch die schlauesten Theoreme nichts, wenn ihr Schöpfer sie nicht formal beweisen kann. Christian Goldbach mag im Jahr 1742 erkannt haben, dass jede gerade Zahl sich als Summe zweier Primzahlen darstellen lässt – ohne Beweis aber bleibt das bis heute eine Vermutung, andere Mathematiker können nicht darauf aufbauen. Im Film sträubt sich Ramanujan vehement (und arrogant) gegen das Ansinnen, die aus ihm hervorsprudelnden Erkenntnisse auch dem mühseligen Prozess des Beweisens zu unterziehen. Erst als ihm ein Fehler nachgewiesen wird, muss Ramanujan erkennen, dass selbst er keinen unmittelbaren Zugang zur mathematischen Wahrheit hat.

Der Regisseur Matthew Brown tat gut daran, zwei gestandene Mathematiker nicht nur als Berater, sondern gleich als Co-Produzenten zu engagieren. Sie bürgen dafür, dass nicht nur jede Formel korrekt ist, die auf Tafeln, Manuskripten und indischen Fußböden erscheint, sondern auch die Protagonisten, ihre Konflikte und Leidenschaften realistisch dargestellt werden – anders als etwa bei A Beautiful Mind, dessen Drehbuch sehr frei mit der Biografie des Mathematikers John Nash umgeht. Entstanden ist ein eher konventioneller Spielfilm, der ohne große Effekte auf die authentische Geschichte setzt, die er erzählt. Er wird nicht nur allen Mathematikern, die sich endlich verstanden fühlen, die Tränen in die Augen treiben.

Korrekturhinweise: Der Filmtitel wurde nachträglich zu "Die Poesie des Unendlichen" korrigiert.  An der mit * gekennzeichneten Stelle stand vorher außerdem "Master of None".