Die Kinder werden an diesem Abend den Großeltern überlassen. Als die Haustür von außen ins Schloss fällt, sinkt mein Puls langsam unter 100. Freiheit! Das müssen wir jetzt verschärft genießen. Nach dem Theater gehen wir in ein Restaurant mit ausladender Cocktailkarte. Erst mal ein Bier. Als das leer ist, ist es fast elf. Um die Dinge zu beschleunigen, bestelle ich ein Getränk, das ich zuletzt als Student trank und seither aus Respekt vor der Wirkung gemieden habe. Den Schwermatrosen. "Wow", sagt die Kellnerin.

Dazu muss man wissen, dass der Schwermatrose ein Cocktail ist, der aus 3 cl Bacardi 151, 2 cl dunklem Myers’s Jamaica Rum, 2 cl Bacardi weiß und 1,5 cl Tia Maria Likör besteht, dazu 4 cl Lime Juice und 2 cl Zitronensaft. Rum mit Rum also, dazu ein bisschen Rum. Die Zutaten werden auf Eis geschüttelt und in ein mit Eis gefülltes Glas gegeben. Serviert wird der Schwermatrose idealerweise mit einem Glas Wasser. Beim ersten Mal wollte ich das zurückgeben. "Du wirst es brauchen", mahnte der Barkeeper.

Heute passt meine Frau auf. Erst mahnt sie, nicht zu schnell zu trinken, dann bestellt sie fettige Tortillas, schließlich nimmt sie mir die pinken Strohhalme (Waren es wirklich zwei?) weg. Angeblich, so geht die Legende, steigt der Alkohol auf diese Weise nicht so schnell zu Kopf. Aber dafür ist es zu spät. Schon nach 15 Minuten lächle ich selig vor mich hin, ein Zustand, der erst getrübt wird, als ich sehe, dass das Glas noch halb voll ist. Mit dem Schwermatrosen ist es so eine Sache. Er zeigt ungeheuer Wirkung, schmeckt aber wie ein Cuba Libre auf Helgoland (da wird gefühlt die Cola weggelassen). Scharf, fast stechend, die wenigen Vanillenoten tötet der Alkohol. Das liegt sicher an dem 75-prozentigen Bacardi 151. Und all dem anderen Industrie-Rum.

Erfunden hat dieses Getränk im Jahr 1983 der legendäre Charles Schumann, heute 74. Er habe, erzählt er mir später am Telefon, mit neuen Rumsorten experimentiert. Und wer, wenn nicht Matrosen, könnten diesen Drink vertragen. Heute empfiehlt er, das Rezept leicht abzuwandeln – mit dem Saft einer halben frischen Limette und als Lime Juice 4 cl von Rose’s. "Aber eigentlich kann ich den gar nicht mehr empfehlen, der ist einfach zu stark."

Als ich im Bett liege, fühle ich mich ungefähr doppelt so alt wie Schumann. Zum Glück sind die Großeltern da. Die können sich ja morgen um die Kinder kümmern.