Es gibt keine Themen, Thesen oder gesellschaftlichen Probleme, über die man das neue Buch von Saša Stanišić anpreisen könnte. Schon die Frage, worum es in diesem Erzählungsband, denn um einen solchen handelt es sich, geht, ließe sich zwar ohne größere Verrenkungen beantworten, verfehlte aber die Sache – so wie man einen Pianisten nicht dafür loben sollte, dass er Beethovens Diabelli-Variationen auswendig spielt: Seine Kunst liegt woanders.

Worin diese im Falle Saša Stanišićs liegt, das lässt sich erfreulich einfach sagen: in seiner Sprache. Das ist keine Sprache am Rande des Sagbaren, dem Schweigen abgerungen, sondern eine, deren Worte wie Milch und Honig fließen. Wer gerne so liest, wie man früher Jazzmusik hörte, nämlich versonnen lächelnd mit dem Kopf mitwippend, wer es also genießt, von seiner Lektüre musikalisch-rhythmisch in Schwingung versetzt zu werden, der ist bei Saša Stanišićs Erzählungsband Fallensteller ganz richtig. Seine Syntax hat etwas Verschmitzt-Verspieltes. Es ist ein Buch fürs leise Laut-Mitlesen.

Sprachrhythmus und Komik hängen dabei eng zusammen. Der Satzbau gluckst manchmal vor sich hin wie bei jemandem, der keinen Witz erzählen kann, ohne selber lachen zu müssen. Gerne wird eine Naivität im Tonfall vorgetäuscht, hinter der sich eine ziemlich fiese Menschenkenntnis verbirgt – tongue in cheek. Stanišić kombiniert barocken Satzbau mit allerneuester Umgangssprache, er setzt mit absolutem Gehör Slang- und Modebegriffe ein, Bild- und Metaphernketten werden losgetreten, die sich verbreiten wie der Inhalt eines umgekippten Wasserglases, der seine Umgebung durchdringt. Und immer wieder gönnt sich dieser Stil eine psychologische Erbarmungslosigkeit, die zwar nie in Zynismus kippt, aber sich weigert, die Dinge in Watte zu packen. Vor dem Auge dieses Erzählers sind wir alle liebenswürdige Heuchler.

Und natürlich liebt Stanišić Vergleiche, weil durch sie das Unscheinbare eine zarte Eigenwürde erhält. Über einen verstörten, introvertierten Jungen im Ferienlager heißt es: "Jörg isst so selbstversunken, Stirn ganz knapp über der Schüssel, wie ein Erfinder kurz vor Vollendung seiner Erfindung die letzten kleinen Handgriffe tut."

In dieser Erzählung, sie heißt Im Ferienlager im Wald, erklärt der kindliche Ich-Erzähler, warum er wirklich keinen Bock aufs Ferienlager hat, in das ihn seine Mutter stecken möchte, um mal wieder ein bisschen Zeit für sich selbst zu haben: "Ich hasse die Farbe Grün, ich hasse die Regeln von jedem Spiel. Und dann ist der Wald auch noch voller Mücken. Und Mücken, Mücken sind das Letzte. Es wurden mal tausend Leute statistisch befragt, was sie gern aussterben lassen würden, wenn sie es könnten, und jetzt rate mal, auf welchem Platz die Mücke am Ende gelandet ist."

Schon die quasitautologische Spezifizierung "statistisch befragt", dann die herrliche Verrenkung, mit der sich die Grausamkeit grammatisch in ein pilatushaft-passives Allgemeines zu retten sucht ("was sie gern aussterben lassen würden"), um dann das Du des Textes ins Boot zu holen: Jetzt ist man als Leser direkt gefragt, und natürlich fällt das Raten nicht schwer, denn in lauer Sommernacht hat jeder schon einmal gerne Mücken aussterben lassen wollen, wenn er nur gekonnt hätte.

Ist das zu kuschelig? Zu viel Geschmunzel? Nein, dafür weiß der Erzähler zu gut, dass der Mensch eine gerade noch gebändigte Bestie ist, die nur in den unwahrscheinlichsten Momenten zur Sentimentalität neigt. In Die immens schönen tragischen blöden glückseligen deutschen Flüsse haben sich Menschenrechtsaktivisten auf einem großen Floß auf dem Rhein zum Feiern versammelt. Musiker, Schriftsteller, Politiker. Man trinkt, singt und liest Texte vor. Auch der Ich-Erzähler ist mit seinem Freund Mo mit von der Partie, aber aus moralisch weniger ehrenwerten Gründen: Mo hat es auf die junge Menschenrechtsaktivistin Rebekka abgesehen.

Weil der Erzähler, während Mo rumbaggert, sich ein wenig langweilt, stellt er sich vor, "wie das Floß in die Nordsee treibt, und um zu überleben, müssen wir entscheiden, wen wir essen, und es ist klar, dass diejenigen dran glauben müssen, die am wenigsten wertvoll sind nach bestimmten Kriterien wie gesellschaftliches Engagement". Nun werden jeder Teilgruppe auf dem Floß hinreißend verdruckste moralische Rechtfertigungen für den eigenen Überlebenswillen in den Mund gelegt: "Am Ende setzen sich die christlichen Menschenrechtsaktivisten mit Argumenten durch, die auch Mo und mich einsehen lassen, dass Mo und ich gegessen werden sollten, ich biete sogar an, beim Anbraten von Mo zu helfen, insgeheim hoffend, dass uns in der Zeit ein holländischer Tanker findet und ich überlebe."

"Im Rücken deutscher Mischwald" heißt es in der titelspendenden Erzählung Fallensteller, und wenn Stanišić, der als Kind mit seinen Eltern aus dem kriegsverwüsteten Bosnien nach Heidelberg floh, das schreibt, dann ist sofort klar, dass es sich nicht um einen forstwirtschaftlichen Begriff handelt, sondern um einen mythologischen. Hänsel-und-Gretel-Land. Diese längste Erzählung des Bandes ist eine Art Sequel seines letzten Romans Vor dem Fest, der ein Nachwende-Dorf in der Uckermark zu ebenso wundersamem wie sozial scharf ausgeleuchtetem Leben erweckte. Die erste Person Plural, die Stanišić in dieser Erzählung zu kunstvollen Höhen treibt, changiert zwischen kollektivem Bewusstsein (mit seiner minoritätenaversen Meute-Neigung) und einer davon immer wieder fein abgesetzten Einzelstimme, die sich um Fairness und Einzelfallgerechtigkeit bemüht. In diesem Wir sind Mob und Mythos perfekt ausbalanciert.

Saša Stanišić: Fallensteller. Luchterhand Verlag, München 2016; 279 S., 19,99 €, als E-Book 15,99 €

Saša Stanišić wurde 1978 in Višegrad in Bosnien-Herzegowina geboren und lebt seit 1992 in Deutschland.