Ein Fußballverein spielt eine überragende Saison. So gut, wie es keiner von ihm erwartet hätte. Er steht auf Platz vier der Zweitliga-Tabelle, einen Platz hinter dem Verein, der in die Erste Liga aufsteigen kann. Jetzt, da die Saison zu Ende geht, könnte sich der Verein freuen und sagen: Wow, was wir alles geschafft haben!

Der Verein freut sich auch. Trotzdem fragt er sich: Können wir das, was wir geschafft haben, in die nächste Saison tragen? Oder waren wir dieses Mal vielleicht sogar zu erfolgreich?

Der Verein mit der überragenden Saison ist der FC St. Pauli. Er hat in den vergangenen Monaten bemerkenswerten Fußball gespielt und bemerkenswerte Ergebnisse erzielt. Er hat zwei Spiele gegen Leipzig gewonnen, den Club, der von Red Bull mit Millionen gesponsert wird und in die Erste Bundesliga aufsteigt. Er hat auch gegen Freiburg, den Tabellenführer, einmal gewonnen. Und wenn er nicht ausgerechnet gegen mehrere Abstiegskandidaten verloren hätte, wäre er wohl in der Ersten Liga gelandet.

Ein Dienstagmittag, Kollaustraße im Norden der Stadt, Gelände des FC St. Pauli. Die Spieler machen ein Trainingsspiel, elf gegen elf auf kleinem Feld. Danach laufen sie eine Runde, sammeln die Bälle ein, gehen zur Umkleidekabine.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 21 vom 12. Mai 2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Einer schert aus der Gruppe aus. Ein kleiner mit blonden Haaren und orangefarbenen Schuhen.

Der Spieler läuft in den Strafraum, dreht sich mit dem Rücken zum Tor, der Ball fliegt von der Eckfahne ins Feld. Schuss, am Tor vorbei. Der nächste Ball, Fallrückzieher, übers Tor, noch ein Ball, noch ein Fallrückzieher, wieder im Aus. Der Spieler bleibt liegen, sieht dann zwei Bälle, die noch im Strafraum liegen, springt auf, Anlauf, Schuss, noch ein Schuss, Tor. Dann trottet er zurück, seinen Mitspielern hinterher, in die Kabine.

Der Mann, der nicht aufhören kann zu spielen, heißt Marc Rzatkowski, Spitzname "Ratsche". 1,71 Meter groß, 26 Jahre alt, seit dem 1. Juli 2013 beim FC St. Pauli.

Marc Rzatkowski ist der Spieler, der zwei entscheidende Fragen aufwirft: Warum war der FC St. Pauli so erfolgreich in dieser Saison?

Und: War der FC St. Pauli vielleicht zu erfolgreich in dieser Saison?

Warum der FC St. Pauli so erfolgreich war

Marc Rzatkowski hat geduscht, hat sich umgezogen, er trägt nun schwarze enge Jeans, schwarzen Kapuzenpullover, das schwarze Käppi legt er vor sich auf den Tisch in einem kleinen Büro gleich neben der Spielerkabine. Wie ist das zu erklären, dass der Verein nach 33 Spieltagen auf Rang vier der Tabelle steht? Rzatkowski, der seit drei Jahren im Verein ist, geht erst mal drei Jahre zurück, um die Frage zu beantworten.

"Als ich hier ankam, haben wir ’ne gute Saison gespielt, waren oben mit dabei. Letztes Jahr ging dann vieles schief. Es war mental echt anstrengend, Woche für Woche zum Training zu gehen, weil du wusstest: Das nächste Spiel wird brutal schwer. Aber das hat uns zusammengeschweißt, weil es positiv ausging, wir nicht abgestiegen sind. Als wir uns im Sommer zur Saisonvorbereitung wiedergesehen haben, wussten wir: Wow, wir fangen alle bei null an, was für ein befreiendes Gefühl, wir können wieder was reißen!"