Überall, auch in dieser Zeitung, wird derzeit die Frage gestellt, ob der reiche Westen nicht Abbitte dafür leisten muss, dass er der Westen ist und nicht der arme Süden, ganz zu schweigen vom Fernen Osten und dem kalten Norden. Warum ist der Westen immer schuld? Warum können die Himmelsrichtungen nicht einfach nett sein und sich lieb vertragen?

Belgische Forscher wissen es: Sie haben herausgefunden, dass Fluggäste der billigen Economy-Klasse viel aufsässiger sind, wenn sie vor Erreichen ihrer sardinendosengroßen Transportbehältnisse noch an den weiträumigen Sitzreihen der First- und Businessclass vorbeilaufen müssen. Der Anblick von VIP-Leistungsträgern in viagrablauen Businessanzügen nebst hochwertigem Champagner verwandelt friedliche Lämmer in neidische menschliche Wölfe.

Was lernen wir daraus? Wir lernen, dass es besser ist, wenn menschliche Neidgesellschaften auf dieser Welt Abstand voneinander halten, denn Menschen im Westen trinken nun einmal gern Champagner, während für andere Kulturen Mineralwasser ausreichend ist, sonst würden sie ja auch Champagner trinken. Weil kein Alkohol auch keine Lösung ist, schlagen wir vor, den Erdball auf Höhe des Äquators durch eine formschöne Friedensmauer in zwei Hälften zu teilen und diese Mauer ("the West and the rest") mit bodennahem Mistelbewuchs – dem bewährt immergrünen Halbschmarotzer – großflächig zu verzieren. "Ein Durchgang ist leider nicht möglich."

Lesern, die gegen die Weltmauer christliche Bedenken hegen, weil sie immer noch glauben, die Menschheit sei eine gemütliche Wohngemeinschaft, in der es nur darum gehe, wer den Abwasch mache, schlagen wir eine astrometaphysische Lösung vor. Wie das renommierte Fachblatt Nature soeben vermeldete, ist im Sternsystem Trappist-1 ein erdähnlicher Planet entdeckt worden, der menschlichem Leben nicht grundsätzlich abgeneigt und angeblich auch bereit ist, dem geschmähten Westen Asyl zu bieten. Wie das Magazin weiter berichtet, wird auf Trappist-1 gleichbleibend immer dieselbe Hemisphäre beleuchtet, womit alle Bedingungen für einen ertragreichen Anbau von hochpreisigen Champagnerreben erfüllt sind. Bei guter Sicht hat man von The New West einen galaktischen Blick auf die alte Economyclass, die nun tief im kosmischen Süden feindverlassen ihre Runden dreht. Alles scheint friedlich. Das Schweigen der Räume ist unendlich und im Kristallglas moussiert der Champagner. Der westliche Mensch gönnt sich ja sonst nichts.