Gegen 18 Uhr hält ein Wagen vor dem Haus, zwei Männer steigen aus. Sie gucken mich irritiert an, als ich auf sie zugehe. Ist es schon geöffnet?, frage ich. Herrgott, nein, rumpeln sie auf Bayerisch los. Da unten würden sie nie reingehen! Sie seien Flüchtlingshelfer. Sie zeigen hoch in den ersten Stock.

Merkwürdige Situation. Aber gibt es etwas, was nicht merkwürdig ist an diesem Haus? Unten befindet sich eine Einrichtung, in der spärlich bekleidete Frauen arbeiten sollen, das Café Atlantis. Oben eine Wohngemeinschaft syrischer Flüchtlinge. So ist das hier seit ein paar Monaten, in der niederbayerischen Gemeinde Siegenburg, Landkreis Kelheim, 3617 Einwohner. Ein Maibaum, eine Metzgerei, ein Geschäft für Nähbedarf. Die Bürgersteige sauber, am Ortsrand ein Kreisverkehr und gleich daneben dieses Haus, vor dem seit Neuestem Schaulustige wie ich stoppen.

Das Café Atlantis ist seit 24 Jahren als "Animierlokal" gemeldet. Sogenannte Animierdamen sollen dort Männer in Stimmung bringen. Ohne Küssen, ohne Sex, das Geld wird mit Alkohol und Trinkgeld verdient. Die Syrer zogen Anfang Januar in die Wohnung darüber. Viele Siegenburger fanden, das könne man den Flüchtlingen eigentlich nicht zumuten. Andere sagten, prima, endlich könnten die sich frei vergnügen. Neujahr in Köln war da noch nicht lange her: die bösen arabischen Männer.

Jetzt hängen neben der Eingangstür zwei Briefkästen. Der vom Café und links daneben einer mit neun syrischen Namen, sauber untereinandergeklebt.

Hinter der Tür ist der Eingangsbereich mit rotem Teppich ausgelegt, die Wände sind rot tapeziert. Kalter Zigarettenrauch und Duftspendergeruch. Schummriges Licht, schwere Vorhänge. Vorbei an Toiletten. Irgendwie ist es, als würde man durch die Staffage eines Schultheaters laufen – provisorisch, abgegriffen, eng. Rechts dann das Lokal, noch verriegelt. Links die Treppe rauf zur Wohnung der Männer.

In der Küche – Herzstück der Wohngemeinschaft – sitzen die Syrer auf einer Eckbank aus Holz. Keiner wundert sich über meine unangekündigte Anwesenheit. Tee, Kaffee? Bier, Zigarette? Alles gut, danke. Flüchtlingsgeschichten bei Halva und Datteln.

Erst gegen 22 Uhr scheint sich unten etwas zu tun. Im Flur kommt mir Anneseta Piehler entgegen, die Betreiberin des Cafés und die Vermieterin der Syrer. Anneseta trägt ein schulterfreies Minikleid, dazu hohe Pumps, die ihre dünnen Beine noch länger wirken lassen. Sie nimmt elegant auf einem Hocker an der Bar Platz.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 21 vom 12.5.2016.

Die Tanzstange steht wie ein Missverständnis im Dunkel, auf dem Flatscreen an der Wand läuft die US-Serie Criminal Minds. Keine Musik, kein Gast. Die guten Zeiten, sagt Anneseta, sind vorbei. Ihr Lokal sei zwar der einzige Ort, an dem hier nach Mitternacht noch Bier ausgeschenkt wird. Aber die Siegenburger führt es zum Trinken, wenn überhaupt, woandershin.

Anneseta arbeitet hier mit zwei anderen Frauen im Wechsel, an vier Tagen in der Woche, von 21 bis drei Uhr nachts. Aber meistens warten sie bloß. Wie auch an diesem Abend. Anneseta spricht leise, manchmal versteht man sie kaum, weil der Fernseher so laut ist. Sie ist 57 Jahre alt. Ein samtener Haarreif, wie ihn Mütter mit Barbour-Jacke tragen, hält die geföhnten Locken aus ihrem Gesicht. Wenn sie ihren Zigarettenrauch auspustet, sieht man die Schatten feiner Fältchen, die sich um ihre gespitzten Lippen säumen. Anneseta strahlt etwas seltsam Vertrauenserweckendes aus, trotz des billig wirkenden Outfits. Ihre Zurückhaltung beim Sprechen verleiht ihr etwas reizvoll Unnahbares.

Normalerweise hört sie zu. Lauscht geduldig den immer gleichen Geschichten: Kinder, Stress mit der Frau, die Arbeit. Heute aber will ich Dinge von ihr wissen. Sie soll mir Fragen beantworten. Sie schaut widerwillig. Überlegt lange, und dann kommt doch nur ein knapper Satz.

Sie möge die Männer da oben, sagt sie. Und sowieso habe sie nichts gegen Flüchtlinge. Das müsse doch schlimm sein für die, so weit weg von der Familie. Anneseta hat selbst einen Sohn. "Manchmal gehe ich zu ihnen hoch, wir trinken Kaffee, dann sagen sie, dass ihnen die Heimat fehlt. Traurig." Schräge Vorstellung: Anneseta in ihrem Minikleid in der Küche, zwischen lauter Männern, die ihre Tage vor allem in Jogginghose verbringen. Aber das seltsame Arrangement scheint zu funktionieren. Beide Parteien sind ja auch aufeinander angewiesen. Die Flüchtlinge brauchen eine Unterkunft, und Anneseta braucht das Geld, das sie als Vermieterin bekommt. Das Café wirft nicht viel ab, und ihre Wohnung in Regensburg, das Auto vor der Tür müssen bezahlt werden.

Sind die Syrer anders als die deutschen Männer?, will ich wissen. Nein, sagt Anneseta. Sie hält kurz inne: "Na ja, doch, viel religiöser." Die Muslime oben beteten regelmäßig. Anneseta meint auch, dass einige von ihnen es vermeiden würden, sie direkt anzusehen.

Es ist spät geworden, als zum ersten und einzigen Mal in dieser Nacht plötzlich ein Mann auftaucht. Mit einer Kanne frischem Kaffee setzt er sich wie selbstverständlich neben Anneseta auf einen der Hocker. Gießt ein, bietet ihr wortlos eine seiner selbst gedrehten Zigaretten an. Es ist dunkel. Meine Augen brauchen ein bisschen, bis ich erkenne, dass dieser Mann Nachleh ist. Einer der Syrer von oben. Der Christ, der Michael genannt werden will.

Oben in der WG begegnete ich ihm in der Küche. Da aß er gerade Brot und Hühnchen, während die anderen auf ihren Handys tippten und mir stolz Fotos von zu Hause zeigten, vom Leben vor der Flucht. Zwischendrin skypen mit den Familien in Syrien: Alle bitte einmal winken!

Sie sind zwischen 35 und 48, Christen und Muslime, verheiratet, Väter. Neun Männer, gestrandet in der bayerischen Fremde. Jeder suchte mal das Gespräch mit mir, irgendwie. Ich war ja eine seltene Gelegenheit. Sonst reden sie hier fast nur miteinander. Besuch bekommen sie von den Flüchtlingshelfern, aber da geht es um Umlegungsanträge, Familiennachzug, Deutschunterricht. Und im Ort, in Siegenburg, da sei kaum Leben auf den Straßen, da passiere alles hinter den Fassaden, sagte Ijad, der gut Englisch spricht.