Die Reisesaison beginnt. An den südlichen Küsten des Mittelmeers warten im Augenblick eine Million weiterer Flüchtlinge auf einen Bootsplatz nach Europa. Das Wetter wird besser. Während Europa noch mit den Folgen des Herbstansturms ringt, stechen schon wieder neue Boote in See.

Wir haben in den letzten Monaten über dieses Drama viel gestritten, haben nächtelang über Obergrenzen, Integration und Zäune debattiert. Nur wenn einer fragte, was die Flüchtlinge im Innersten eigentlich antreibt, ihr Leben aufs Spiel zu setzten und auf unabsehbare Zeit in Notunterkünften und Containern zu leben, war die Antwort immer einfach: Die Menschen, hieß es, kämen aus größter Not. Niemand verlasse freiwillig seine Heimat.

Aber stimmt das? Im Fall der Syrienflüchtlinge ist nicht daran zu zweifeln. Sie haben keine Wahl. Putins und Assads Bomben, die islamistischen Revolutionstruppen und der IS treiben sie aus dem Land. Irgendjemand muss sie aufnehmen. Und zwar alle. Doch ihr Anteil an den 1,2 Millionen zurzeit in Deutschland registrierten Flüchtlingen beträgt nach Auskunft des Bundesamtes für Migration nur 35 Prozent. Bleibt die Frage: Warum kommen die anderen?

Hier beginnt das dornige Feld der Einzelfallprüfung, die wir im Augenblick "hinten, weit in der Türkei" (Goethe) von anderen für uns erledigen lassen, die in notdürftig errichteten Zeltstädten in größter Eile legitime und illegitime Fluchtgründe wie Linsen ins Töpfchen sortieren. Dabei ist jedem völlig klar: Sie lassen sich gar nicht sortieren, denn es gibt beinahe so viele Fluchtgründe, wie es Flüchtlinge gibt. Wer aus Afghanistan oder Libyen kommt, flieht vor den langfristigen Folgen der US-Kriege im Nahen Osten. Wer aus Eritrea, Somalia oder dem Sudan kommt, flieht vor den innerafrikanischen Bürgerkriegen, behördlicher Willkür und den unzumutbaren Härten des staatlichen Militärdienstes. Wer sich aus Albanien, Serbien, dem Kosovo, Mazedonien oder Montenegro nach Deutschland aufmacht, flieht vor Arbeitslosigkeit, Korruption, medizinischer und infrastruktureller Unterversorgung. Wer aus Burundi, Nigeria, dem Kongo oder der Zentralafrikanischen Republik kommt, vor Hunger, Dürre, Unterdrückung und Unterentwicklung. Wer aus dem prosperierenden Iran kommt, stößt sich womöglich an der Unterdrückung der Meinungsfreiheit oder dem gesetzlichen Kopftuchzwang. Wer aus Algerien oder Marokko kommt, findet dort keine Arbeit und gehört zur jungen generation waithood, von der der algerische Schriftsteller Kamel Daoud gerade gesagt hat: "Die Leute fliehen nicht aus wirtschaftlichen Gründen, weil sie zu arm oder hungrig wären. Sie fliehen, weil sie sich langweilen. Sie sind 20 und haben nichts zu tun, außer darauf zu warten, alt zu werden."

Die Liste ist noch lange nicht zu Ende. Aber sie ist lang genug, um zu begreifen, dass man an der Sisyphosaufgabe, zwischen unabweisbaren und bloß verständlichen Fluchtursachen zu unterscheiden, nur scheitern kann – zumal politische und wirtschaftliche Fluchtgründe sich nicht so ordentlich auseinanderdividieren lassen, wie das altväterliche Asylrecht sich das dachte. Dennoch wird man kaum darauf verzichten können, die zahllosen Fluchtmotive wie eine Stecknadel im Misthaufen der Geschichte zu finden und zu bewerten. Wer eine derartige Evaluierung für unbarmherzig und unchristlich hält, muss wirklich alle, die unter der beklagenswerten Ungleichzeitigkeit der Welt darben, ausnahmslos bei sich aufnehmen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 21 vom 12.5.2016.

Hier, im zahlenmäßig größten und dunkelsten Chaosbereich der Flüchtlingskatastrophe, kommt eine Kraft ins Spiel, die mit den Tortendiagrammen der Migrationsbehörde nur unzureichend erfasst ist. Diese Kraft, deren Sog auf unabsehbare Zeit noch Millionen von Menschen folgen werden, ist der globale Synchronisationsdruck, der von der überlegenen Anziehung des Westens ausgeht, dessen Lebensmodell zum Leitmodell für den ganzen Globus geworden ist.

Auch im vorigen Jahrhundert gab es Armut, Hunger, Verfolgung, Krieg und Vertreibung. Millionen Menschen flohen aus Biafra, Angola, Mosambik, Ruanda, Ghana, dem Kongo und Burundi – in ihre Nachbarländer. Und auch dort war die Unterbringung in den Flüchtlingscamps nicht durchweg komfortabel. Doch eine Massenflucht nach Europa übers Mittelmeer unterblieb, obgleich die Schifffahrt auch damals schon nicht mehr in den Kinderschuhen steckte und das Gummiboot bereits erfunden war.

Was die Flüchtenden heute dazu bewegt, sich auf die Reise übers Meer nach Europa zu machen, ist nicht nur der Wunsch, politische und wirtschaftliche Grenzen zu überwinden. Es geht dabei auch um die Überschreitung einer Zeitgrenze. Wir sprechen über die verschiedenen Zeitzonen der Erde nicht gerne, weil das Reden von zurückgebliebenen und fortschrittlichen Weltgegenden unserem Ideal von der gleichberechtigten Vielfalt der Kulturen widerspricht. Dennoch ist es so, dass die Flüchtlinge, die zu uns kommen, in ihren Heimatländern in einer Zeitzone leben, deren Verspätung ihnen selbst ins Auge springt, wenn sie ihre lokale Gegenwart mit der Gegenwart des Westens vergleichen, dessen Bilder und Morsezeichen in jeder Sekunde millionenfach bis in den letzten Winkel des Planeten gefunkt werden. Die Flucht ist deswegen auch ein Versuch, diese Verspätung mithilfe der bezahlten Schleuser im Schnelldurchlauf aufzuholen. Die Fahrt übers Mittelmeer wird zu einer Reise durch den Zeittunnel der Welt. Was bisher nur ein irritierender Filmtitel von Alexander Kluge war, wird an den Küsten plötzlich sichtbar: Die hier Strandenden folgen dem "Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit".