Immer nachts, wenn sie das Licht in der Halle ausschalten, hört Ahmad Azizi die Stimmen. Er könnte fast rübergreifen ins Nachbarbett, so nah sind sie. Oft ist es nur ein Wispern, aber in der Dunkelheit wirkt auch ein Wispern laut. Manchmal versteht Azizi die Flüsterer, dann sind es Iraker oder Syrer, seine Landsleute. Manchmal versteht er sie nicht, dann sind es die Afghanen, Tschetschenen oder Eritreer. Azizi legt sich ein Kissen auf den Kopf und kriecht unter die Decke. Die unverständlichen Stimmen, sagt er, würden ein mulmiges Gefühl auslösen, keine Angst, aber Unsicherheit. Oft liege er wach bis vier Uhr früh.

Es ist ein Nachmittag Anfang Mai in der Erstaufnahme am Wiesendamm in Barmbek. 250 Flüchtlinge leben hier, dicht an dicht auf 1600 Quadratmetern. Azizi sitzt auf seiner Matratze und erzählt vom Leben im Doppelstockbett.

Als im vergangenen Sommer jeden Tag Hunderte Flüchtlinge nach Hamburg kamen, wurde die Unterbringung im Baumarkt zum Symbol: Die Stadt ist am Limit, also schleust sie Flüchtlinge in Hallen, die mitunter kaum Toiletten hatten und keine Duschen – um den Leuten überhaupt ein Dach überm Kopf bieten zu können. Nun hat sich die Lage verändert: Seit Wochen kommen kaum neue Flüchtlinge. Von Entspannung ist die Rede.

Doch noch immer leben rund 4000 Asylbewerber in Gewerbehallen. Wie lange noch? Diese Frage ist zum Politikum geworden – und der Baumarkt zum Argument: Gerade weil die Situation in den Hallen unwürdig ist, so argumentiert die Stadt, brauchen wir dringend mehr Folgeunterkünfte, feste Wohnungen und Container. Wir müssen weiter suchen, wir müssen weiter bauen, auch wenn sich an vielen Orten die Anwohner wehren. Sollen die Menschen etwa weiterhin in Lagerhallen schlafen?

Immer wieder dringen aus diesen Großunterkünften Nachrichten nach außen, die ahnen lassen, wie beschwerlich es dort sein muss: von Massenschlägereien, von gefährlichen Viren, von Suizidversuchen. Nur über den tatsächlichen Alltag im Camp erfährt man wenig. Journalisten haben in der Regel keinen Zugang. Die Privatsphäre der Bewohner solle geschützt werden, lautet die Begründung der Behörden, obwohl viele Flüchtlinge Reporter bereitwillig empfangen würden. Nach langem Bitten hat die Stadt der ZEIT nun doch die Erlaubnis erteilt, einen Tag in der ehemaligen Halle einer Theaterwerkstatt in Barmbek zu verbringen, wo die Azizis wohnen. Dies ist, aus Sicht der Stadt, eine Vorzeigehalle.

Wer das Gebäude am Wiesendamm betritt, hat das Gefühl, in ein Dorf zu kommen, gebaut aus Tüchern. Ein Meer aus Doppelstockbetten füllt den Raum, unterbrochen nur von schmalen Gängen. Je vier oder sechs Betten haben die Bewohner provisorisch mit Laken abgehängt, so ergeben sich kleine Höhlen, Refugien. Auf den oberen Etagen der Betten lagern die Flüchtlinge tagsüber ihre Habseligkeiten: Koffer, Kinderräder, Bobbycars. Abends, zum Schlafen, räumen sie die Sachen in die Flure. Schränke gibt es nicht.

Gegenüber von Azizi setzt sich seine Frau Rawda al-Hariri aufs Bett, wie ihr Mann eine zurückhaltende, fast schüchterne Person. Hier sei ihr Wohnzimmer, sagt sie und zeigt auf die zwei Quadratmeter Fläche zwischen den Betten. Azizi und seine Frau schlafen links unten, über ihnen die zwei Töchter und rechts die beiden Söhne. Seit drei Monaten lebt die Familie hier.

Mittags, sagen sie, sei es erträglich. Je später es wird und je mehr Kinder von der Schule kommen, desto lauter wird es. Abends mischen sich Schreie von Säuglingen, Handy-Musik und Stimmengewirr aus der angrenzenden Mensa.

Während ihr Mann erzählt und der Dolmetscher übersetzt, sitzt Al-Hariri stumm da, schaut auf den Boden und weint. Warum die Tränen, fragt der Übersetzer. "Schauen Sie, von wo wir kommen und wo wir nun angekommen sind", sagt sie. In Aleppo lebte die Familie in einem Haus mit Garten, die Kinder hatten eigene Zimmer, Azizi verdiente als Bauleiter gut. Dann kam der Krieg, die Familie floh nach Beirut. Azizi wurde krank, konnte nicht mehr arbeiten, verlor seine Aufenthaltsgenehmigung und zog weiter nach Deutschland. Schon nach einer Woche, sagt Rawda al-Hariri, habe sie es zwischen den Bettlaken kaum noch ausgehalten.

Ihr dreijähriger Junge sei immer lieb gewesen, trotz der Strapazen der Flucht. Aber hier in der Halle schreie er ständig und raufe mit anderen Kindern. Manchmal wolle er einfach nicht aus dem Bett, den ganzen Tag über nicht.