Geld ist eine feine Sache. Alle sollten mehr davon haben und es unter die Leute bringen. Das hat sich wohl auch die Bundesregierung gedacht, als sie vor ein paar Wochen eine Rentenerhöhung beschloss. Wie ich las, war es die üppigste Rentenerhöhung in 23 Jahren. 4,25 Prozent rauf im Westen, 5,95 rauf im Osten. Und in den kommenden dreizehn Jahren soll es mit den Erhöhungen weitergehen.

Ich freue mich für die Rentner, die sich jetzt ein Schnitzel mehr leisten können. Top. Wobei das Problem der Altersarmut ja ohnehin ständig bekämpft wird – während ein anderes Problem ebenso ständig übersehen wird. Schlechte Zeiten nämlich für mich und meine Generation, die zwischen 1980 und 1995 Geborenen, die sogenannte Generation Y. Sie haben sicher schon von uns gehört. Man spricht uns viele Eigenschaften zu, die wir uns alle nicht selbst ausgedacht haben, das machen ältere Menschen, die uns aus der Ferne beobachten. Ich persönlich habe nicht den Eindruck, dass wir eine besonders homogene Gruppe sind, über die sich pauschal reden ließe. Uns eint allerdings, dass wir politisch nicht ins Gewicht fallen.

Die Generation unserer Eltern sagt, das sei, weil wir das Maul nicht aufmachten, es sei unser eigenes Problem, weil wir uns nicht engagierten. Aber das Problem, liebe Eltern, ist, dass ihr nicht genug von uns gemacht habt. Wir sind zu wenige. Deswegen sind wir eine Minderheit. Ohne Gewicht. In einer Demokratie ist das von Nachteil. Man muss darauf hoffen, dass Politiker einen mitbedenken, aus der Güte ihres Herzens. Ich habe nicht das Gefühl, dass die Politik an uns denkt. Die Politik denkt an die Mehrheit, an die Alten.

Bei der Wahl 2017 werden mehr als die Hälfte aller Wahlberechtigten älter als 50 sein. Keine Partei, erst recht keine Regierung wird so dumm sein, das zu vergessen. Die Rentenerhöhung ist also, wie Rainer Hank in der FAS kommentierte, vor allem ein Geschenk. Der Versuch, die Alten zur Wiederwahl zu bewegen nach den harten letzten Jahren, in denen sich so viel verändert hat, in denen Deutschland vom Land, das über die Lkw-Maut stritt, zum Staat wurde, der für Milliardenkredite an Südeuropa bürgt und Hunderttausende Flüchtlinge aufnimmt.

Meine Generation, die von diesen Entwicklungen langfristig am stärksten betroffen sein wird, ist für die Politik uninteressant. Bei der letzten Bundestagswahl stellten wir gerade mal 15 Prozent der Wahlberechtigten. Wir kriegen keine Geschenke, dabei könnten wir sie echt gut gebrauchen.

Ich entdeckte vor ein paar Tagen Zahlen, im Guardian, online. Für den Artikel hatte die Redaktion einen enormen Datensatz ausgewertet, Einkommensstudien aus der westlichen Welt. Das Ergebnis beschrieb die Zeitung als "30 Jahre ökonomischen Betrugs an der Generation Y".

Die Gleichaltrigen in England, den USA und den südeuropäischen Krisenländern sind von diesem Betrug noch wesentlich härter betroffen als wir in Deutschland, aber ich finde die Befunde auch für uns einigermaßen bitter: Während das Einkommen der 65- bis 69-Jährigen in Deutschland zwischen 1978 und 2010 um fünf Prozent gestiegen ist, sank es bei den 25- bis 29-Jährigen laut Guardian in gleichem Maß. Es sei vermutlich das erste Mal seit der Industrialisierung, dass die Einkommen junger Menschen derart geschrumpft seien – von Kriegszeiten einmal abgesehen. Das Durchschnittsgehalt der Mitte bis Ende 20-Jährigen, schrieb die Zeitung, liege in Deutschland inzwischen 20 Prozent unter dem Durchschnittsgehalt der Gesamtbevölkerung.

Die Generation Y zahlt die Zeche für den schlimmsten Bilanzfehler aller Zeiten. Niemand habe damit gerechnet, schreibt der Guardian, dass so viele Alte so lange leben würden, bei so wenigen Jungen. Dabei war das doch im Grunde sehr absehbar. Für wahrscheinlicher halte ich, dass niemand damit rechnen wollte. Die Babyboomer, die Generation meiner Eltern, kümmern sich halt lieber um die eigenen Belange als um die Zukunft nachfolgender Generationen.

Steigende Renten bis 2029 werden ja auch denen zuteil, die in den kommenden Jahren pensioniert werden. Das sind die Babyboomer selbst. Sie besetzen die Schlüsselpositionen in Politik und Wirtschaft. Die stärkste Alterskohorte waren die zwischen 1950 und 1965 Geborenen schon immer. Vielleicht waren sie deswegen auch politischer, selbst wenn sie nicht mehr zu sagen hatten: Ihre Stimme hatte schließlich Gewicht. Die Babyboomer achten darauf, dass sie nicht darben müssen, auch wenn das bedeutet, dass für den Rest kaum etwas übrig bleibt.

Die Mehrheit der Alten ist blind für unsere Wirklichkeit

Kommt eine junge Frau zum Chef. Sagt der Chef: "Wir schätzen Ihre Arbeit sehr und wissen, dass Sie eine Gehaltserhöhung verdient hätten. Leider ist das zurzeit nicht möglich." Steigt in seinen Dienstwagen und gleitet am nächsten Tag in die Frühpensionierung, zu 80 Prozent seiner derzeitigen, für die junge Frau unvorstellbar hohen Bezüge. Sie finden diese Beobachtung vielleicht missgünstig, aber es ist eine, die meine Generation ständig machen kann.

Vermutlich steckt dahinter ein systemisches Problem, aber der Effekt ist messbare Ungleichheit. Der Nobelpreisträger Joseph Stiglitz schreibt, die tatsächliche Spaltung der Gesellschaft laufe nicht mehr durch die Geschlechter, Bildungsschichten oder Steuerklassen, sondern durch die Generationen. Die Generation Y erlebe die Welt anders als ihre Eltern: Während die Babyboomer in ihrer Jugend von einem Glauben an die Zukunft getragen wurden, der sich heute in ihrem beträchtlichen Wohlstand bestätigt findet, werden die heutigen jungen Menschen von Sorgen um die Gegenwart erdrückt.

Das deckt sich mit meinem Erleben. Manchmal sitze ich mit Freunden zusammen, und wir reden darüber, wo unsere Alten in unserem Alter waren. Die Babyboomer hatten Kinder, Autos und Häuser. Wir haben wechselnde Beziehungen, ein Fahrrad und den Dispo am Anschlag. Manchmal machen wir uns dann übereinander lustig. Dass wir Idioten sind. Zwei meiner besten Freunde sind gerade arbeitslos. Sie haben zwar beide in Harvard studiert, aber halt Amerikanistik und Geschichte, und wer braucht den Scheiß schon. Das wurde uns vor dem Studium ja auch deutlich gesagt, dass wir Maschinen bauen oder Berater werden sollen, statt uns dem hinzugeben, was jetzt perverserweise von den unangenehmsten Alten als das kulturelle Erbe Europas bezeichnet wird. Dass ich mit meinem Philosophiestudium eine Stelle gefunden habe, ist ein kleines Wunder. Ich preise meinen Schöpfer dafür, jedes Mal, wenn ich daran denke.

Viel öfter denke ich allerdings daran, dass unsere Eltern ja auch Geisteswissenschaftler waren, nur ohne Harvard. Und denjenigen Freunden, die Unternehmen beraten und Maschinen bauen, geht es zwar besser als den Orchideenwissenschaftlern, aber auch nicht so gut wie ihren Eltern. Keiner meiner Freunde bezahlt gerade ein Haus oder einen Neuwagen ab.

Besitz ist keine Option

Das liegt vielleicht an meinem Freundeskreis und sicher auch an einem Wesenszug meiner Generation, der mir eigentlich gefällt: Wir sind nicht sonderlich auf Besitz fixiert. Aber Besitz ist eben auch einfach keine realistische Option.

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hat in seiner neuesten Einkommensstudie festgestellt, dass die Mittelschicht insgesamt erodiert, nirgendwo aber heftiger als in der Gruppe der unter Dreißigjährigen. Uns wird gerne vorgeworfen, wir seien so larifari, trieben wie Laub durch die Jahre unserer Jugend. Aber wenn man mit 30 noch in einer WG wohnt, weil die Wohnungen, die den Alten oder ihren Pensionsfonds gehören, so teuer geworden sind, dass sie nur noch von Alten mit viel Geld gemietet werden können; wenn man zwar viel arbeitet, aber für nicht sehr viel Geld und im Übrigen oft "selbstständig", was nach Freiheit klingt, in Wahrheit aber bedeutet, dass man alleine ist. Oder wenn die Stelle befristet ist, wie das bei 13 Prozent der Leute im Alter zwischen 25 und 35 der Fall ist: Dann lebt man halt so ein bisschen larifari, dann trinkt man ganz gern mal einen Schnaps und tanzt, weil man sich von den Umständen nicht den Schneid abkaufen lassen will.

Wer nicht so viel besitzt, hängt auch nicht so an den Umständen. Es sind vor allem die jungen Menschen gewesen, die an Bahnhöfen die Flüchtlinge willkommen geheißen haben. Es sind die Alten, die für eine Politik stimmen, die jeden Wandel verhindern will. Aber natürlich werden wir von der Regierung nicht belohnt dafür, dass wir ihren Kurs mittragen. Man kauft lieber die Stimmen der über den Kurs erbosten Alten mit einer Rentenerhöhung zurück.

Ich bin übrigens nicht neidisch. Ich lebe gut, jetzt jedenfalls noch, ohne Familie. Wie es wird, wenn ich mal Kinder habe, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass meine Freundin und ich beide arbeiten werden, anders als unsere Eltern – nicht nur weil wir das wollen, sondern auch weil wir es müssen.

Was mich allerdings bisweilen wütend macht, ist, dass die Mehrheit, die Alten, so blind ist für unsere Wirklichkeit: wenn ich über meine Generation höre, sie sei faul, wenn ich im New Yorker lese, wir seien "die verdorbenste Generation aller Zeiten". Ich kenne niemanden in meinem Alter, der nicht ständig schuftet, sogar die Arbeitslosen schuften, schreiben Papers, Bewerbungen, Rezensionen. Wenn ich über meine Generation höre, sie sei unerwachsen, werde ich wütend, weil ich mich frage, wie das mit unseren ökonomischen Realitäten zusammengehen soll: Erwachsensein in einem Land, das dieses Modell in Form von Eigentum und Familie propagiert.

Mich macht wütend, wenn ich über die neueste Studie des Jugendforschers Klaus Hurrelmann lese. An sich finde ich Hurrelmann sehr rührend, schon allein, weil er, Jahrgang 1943, sich unironisch "Jugendforscher" nennt. In seiner Studie entdeckte Hurrelmann, dass junge Menschen im Alter zwischen 17 und 27 zwar um die Lücken im Rentensystem wüssten, die auf sie zukämen, dass sie aber nicht vorsorgen würden. Warum? Liegt das, rätselte die FAZ, am jugendlichen Optimismus?

Die Sache mit dem Riestern

Vielleicht. Vielleicht liegt es aber auch an einem unterdurchschnittlichen Gehalt oder daran, dass Selbstständige nur begrenzt riestern können, oder daran, dass ein WG-Zimmer in Neukölln für 400 Euro im Monat absolut okay ist, deswegen aber noch lange nicht finanzierbar. Daran könnte es liegen, aber wer weiß das schon? Die jungen Menschen sind sehr merkwürdig.

Manchmal heißt es: "Ihr werdet den Reichtum der Babyboomer doch sowieso erben." Wird man sehen, das Altern kostet Geld. Meine Eltern sind Babyboomer, auch sie haben hart gearbeitet, ich wünsche ihnen ein langes Leben. Überhaupt: Ich will ja nichts geschenkt. Ich will, was mir für meine Arbeit zusteht. Ich will meinen Lohn.

Ich mache mal einen Vorschlag, wie man dafür sorgen könnte, dass auch junge Menschen sich von der Regierung bedacht fühlen. Es ist nur einer von vielen, die ich hätte. Wie wäre es mit einer Art New Deal für die Flüchtlinge? Wenn wir einen anständigen Batzen Geld, so einen, wie ihn sonst nur Banken und Rentner kriegen, in die Hand nähmen, um damit Integrationsprogramme zu boosten, damit die Flüchtlinge hier ankommen, anpacken können, und in diesen Programmen fände unsereins, die Jungen, unbefristete, vernünftig bezahlte, steuerpflichtige Arbeit. Das wäre doch für alle gut, selbst für die Alten? Als Regierung einmal nicht nur in die Vergangenheit investieren, sondern in die Zukunft. Aber es ist traurig, ich gewinne den Eindruck, dass die Babyboomer, die Politiker, dass die Mehrheit sich eine Zukunft gar nicht mehr vorstellen kann.

Was ist eigentlich los mit euch? Was ist das für eine eigentümliche Sattheit? Woher rührt eure Unlust, für die kommenden Generationen zu planen? Als wärt ihr für die Zukunft zu müde, als wolltet ihr das Land mit eurem eigenen Leben in einen langen Herbst und stillen Winter sinken lassen. Ich bin mir sicher, wir alle, auch ihr, würden davon profitieren, wenn ihr euch auch den Frühling vorstellt. Aus Eigennutz, nicht nur aus Solidarität.

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