Gute Nachrichten aus der Germanistik. Es riecht nicht mehr so beißend nach Krise! War ja auch zuletzt etwas viel Kulturwandel auf einmal. Bologna hatte das germanistische Ganze in verdauliche Epochen- und Gattungsmodule zerlegt und mit zu erwerbenden Kompetenzen beschriftet. Mancher Rücken schmerzte vom Heben schwerer Theoriebrocken der Neunziger, da warteten schon neue Turnübungen: Internationalisierung! Interdisziplinarität! Und dann auch noch die Digitalisierung. Der auratische Glanz der Reclambändchen verblasste im Schein des Laptopbildschirms, auf dem ein digitaler Hölderlin flimmerte.

Die Reaktion: ein Stellungskampf. Alt-68er wurden zu Traditionalisten, die mit der Modernisierung des Faches haderten. War das noch ihre Germanistik, in der man sich mit versprengten Goethe-Schiller-Kleist-Partikeln im Kopf examinieren lassen konnte? Die Progressiven hielten dagegen. Endlich hatte die Stoffmasse aus Linguistik, älterer und neuerer deutscher Literatur eine Struktur bekommen. Sollte sich Emilia Galotti halt neben Game of Thrones behaupten, warum nicht. Man war in Wallung.

Vorbei! Ein gutes Wort. "Die Kampflinie verblasst", sagt Martin Huber, der Neuere Deutsche Literatur in Bayreuth lehrt und Vorsitzender des Deutschen Germanistenverbandes ist. Selbstbewusst schildert Huber, welche Möglichkeiten sich durch die Methoden digitaler Geisteswissenschaften ergeben. (Textstellen zählen lassen statt selber zählen!) Wie anregend die neuen Gegenstände seien, die man mit dem literarischen Kanon ins Gespräch bringen könne. (Social Media, TV-Serien, PC-Spiele!)

Der Linguistik liegt die Sinnkrise sowieso fern. "Deutsch wird immer noch in vielen Regionen der Welt gesprochen", sagt Elke Montanari von der Universität Hildesheim. Sie forscht zum Mehrsprachenerwerb, und die aktuellen Migrationsbewegungen spülen ihr lauter neue Fragen in den Hörsaal: Wie verändern Sprachkontakte das Deutsche, wie geht nachhaltige Sprachvermittlung? Montanaris Studenten unterrichten jetzt Deutsch in Erstaufnahmelagern. Germanistik als Sinnstiftung, geht doch.

Aber ein kritischer Blick gehört zum Habitus: "Unser Fach hat sich so weit ausdifferenziert, dass man kaum noch weiß, wer wir sind", sagt Huber. "Von den anderen Philologien unterscheiden uns nur noch die Gegenstände und das Lehramt als Hauptlegitimation." Ach ja, das Lehramt. Rund 45.000 wollen später in den Deutschunterricht. Die Lehrerbildung habe sich professionalisiert, sei aber dennoch ein ewiges "Stiefkind", sagt Huber: Die Verzahnung komplexer Forschung mit der schulischen Lebenswelt laufe nicht gerade geschmeidig. Auch das Ansehen des Berufs sei gering.

Energische Zustimmung von Beate Kennedy. Sie ist Lehrerin an einem Gymnasium in Kiel und Bundesvorsitzende des Fachverbandes Deutsch. Kennedy ist nicht der kulturpessimistische Typ. Aber sie sagt, die Lesekompetenz sinke. "Und an falsche Rechtschreibung hat sich unsere Gesellschaft leider gewöhnt." Man delegiere zu viel an das Fach Deutsch. An die welterschließende Komplexität der Literatur komme man daher im Unterricht kaum mehr heran.

Die Studierenden ihrerseits strömen ins Immatrikulationsbüro – seit 1999 liegt die Zahl der Germanistikstudierenden zwischen 83.000 und 93.000. Was treibt sie an? Die Lust am Text. "Das Fach ist real, nicht nur totes Papier", sagte eine Studentin. Romane, Poetikvorlesungen, Theaterbesuche sind für viele die Fluchtpunkte ihrer Biografie. Annegret Weil Helmbold etwa. Eine Germanistin lief als Hauptfigur durch einen Roman, der ihr gefiel, Der Geschmack von Apfelkernen. Eher keine Uni-Lektüre. Aber: "So habe ich erfahren, dass es das Fach überhaupt gibt. Meine Studienwahl war eine lustgesteuerte Entscheidung", sagt sie. Jetzt studiert sie an der Uni Jena.

Das Germanistik-Ranking des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE), mit dem die ZEIT kooperiert, gibt ihr recht: Die Germanistik in Jena ist sehr gut bewertet. Einige germanistische Hochburgen liegen im Spitzenfeld – Konstanz, Göttingen, Tübingen. Richtig schlecht kommt allerdings keine Uni weg. Es ist das Privileg des Massenfachs, flächendeckend auf gutem Niveau vertreten zu sein.

Ohnehin liegt die Entscheidung für einen Studienort anfangs nah an der Gefühlswelt der Einzelnen. Cosima Mattner hat nach dem Abi sogar eine Tour durch Deutschland gemacht und die Unis angeschaut. Göttingen bekam den Zuschlag. Ihre Bachelorarbeit über Kafkas Tagebücher wurde gerade mit einem Preis ausgezeichnet. Jetzt kommt der Master. "Ich fühle mich gut betreut, mag die interdisziplinäre Forschung des Instituts und die Kooperationen mit den anderen Philologien."

All das ist schon Metawissen für die Fortgeschrittenen. Studierende überlegen für den Master sehr rational: Was will ich? Beliebt sind Studiengänge mit handfestem Label: Literatur und Kommunikation, Literaturvermittlung. Auch Huber beobachtet das. Der "Literatur und Medien"-Master, den er in Bayreuth betreut, ziehe Studierende aus ganz Deutschland an: "Wir haben eine Auswärtigenquote von 85 Prozent. Dass die Studierenden sich heute so bewusst entscheiden, ist eine sinnvolle Entwicklung."