Als in der Hamburger Kunsthalle im Jahr 2012 die Ausstellung Louise Bourgeois – Passage dangereux gezeigt wurde, stand auf der Plattform zwischen den beiden Museumsgebäuden eine neun Meter hohe Spinne aus Bronze. Das Tier von Louise Bourgeois wirkte nicht gerade einladend, doch aufsehenerregend war es allemal. Aber was auch immer dieser Willkommensgruß bewirkt haben mag: Die Ausstellung selbst zeigte Louise Bourgeois jenseits ihres Ruhms, der sich vor allem ihren großen, das Innere nach außen kehrenden Installationen verdankt. Nur eine große Installation war dann in der Ausstellung zu sehen, die titelgebende Passage dangereux, in hohen Gitterkästen aufgehängte Stühle, dazu bürgerliche Einrichtungsgegenstände, die seltsamerweise zur Entdeckung dieser Ausstellung zu passen schienen: den in Vitrinen und Kabinetten gezeigten Bildern auf oder aus Stoff, Haushaltsutensilien auf den ersten Blick, dazu ein aus Textilien und Farbe lithografiertes Buch mit dem Titel Ode à L’Oubli.

Die "Ode an das Vergessene", die natürlich eine Ode gegen das Vergessen ist, und das Monument der Spinne, dieser weltweit ältesten Fabrikantin des ersten Fadens und aller Folgeerscheinungen, kommt einem wieder in den Sinn angesichts der Ausstellung des Werkes von Geta Brătescu. Hier ist Brigitte Kölle, der Leiterin der Galerie der Gegenwart und Kuratorin der Bourgeois-Ausstellung, sowie Hubertus Gaßner, dem scheidenden Direktor des Hauses und langjährigen Kenner osteuropäischer Kunst, ein besonderer Beitrag zur Wiedereröffnung der renovierten Kunsthalle gelungen. Denn Ruhm und Ruf dieser rumänischen Künstlerin, die gerade 90 Jahre alt wurde, sind zwar allmählich auch im Westen angekommen, sie war zur Biennale in Venedig und anderen internationalen Ausstellungen eingeladen. Die erste umfassende Ausstellung ihres Werkes im Westen aber findet jetzt in der Hamburger Kunsthalle statt.

"Kunst ist ein ernstes Spiel", hat Geta Brătescu im Gespräch gesagt, und damit einen doppelten Hinweis gegeben, auf ihre Arbeit und ihre Biografie. Die sinnliche Materialität des Stoffes, von ihr vorzugsweise in Form kostbarer Fetzen genutzt, sowie die Unendlichkeit der Linie, die Beweglichkeit des Fadens gehören zur Grundausstattung dieses Werkes. Typisch auch das Spielerische, dabei gelegentlich Insistierende ihrer Arbeitsweise, das sich in den Serien artikuliert. Ein Bild wollte sie nie malen.

Früh hatte Geta Brătescu mit dem Zeichnen begonnen, auch mit Papier gearbeitet, ihre Eltern, beide Apotheker, hatten nichts gegen die Kunst. Sie studierte Kunst und Literatur, musste das Studium aber als Tochter einer bürgerlichen Familie wegen der politischen Repressionen des Ceauşescu-Regimes aufgeben. Sie konnte es später wieder aufnehmen und im Jahr 1971 schließlich mit einem Diplom abschließen. Die Mitgliedschaft in der Rumänischen Künstlervereinigung erlaubte ihr dann Reisen in die Sowjetunion und andere osteuropäische Länder, aber auch die Teilnahme an Ausstellungen im Westen. Ein nicht alltägliches Privileg.

"Abstrakte Erzählungen" hat Magda Radu, die 2013 eine Ausstellung von Geta Brătescu kuratiert hat, die Arbeiten genannt und damit auf ihre Vorliebe für Serien hingewiesen, die das Genre der Variationen der Hypostase der Medea (1980) ebenso bestimmt wie das von Geboren in Utopia (1991). "Farbiger Zwirn auf Textil", vermerkt der Katalogeintrag zur Hypostase der Medea, in der Realität zu sehen sind übereinander gesetzte Flicken aus Seide und kostbaren Stoffen, durchwirkt von Adern aus Zwirn. Innenansichten einer Psyche, strukturiert im Umriss einer Kopfform. Drei in Hamburg gezeigte Varianten zeigen, was Imagination und Handwerk vermögen, die Stoffe stammen von alten Kleidern der Mutter, die Brătescu nach deren Tod in einem Sack fand. Ein Stück Biografie, Sedimente eines Lebens.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 21 vom 12.5.2016.

Demgegenüber Geboren in Utopia: schwarze und graue geometrische Formen auf weißem Grund, die sich, spielerisch und unvollständig, zu einem Gesicht oder einer Hand addieren, eingefasst durch einen Rahmen in brauner Packpapierfarbe. Ästhetisch sparsam wird hier mit wenigen Grundformen ein Comic der Grimassen und Gesten umrissen. Schließlich die Serie Memorie (1990), vierzig Blätter, jeweils ein schwarzes, schmales Blatt über einem anderen, etwas längeren schwarzen Blatt, eng nebeneinander gehängt. Hier sind die Wellenbewegungen der geschmeidigen Schnüre und Fäden und die wandernden exquisiten Stoffreste zur Ruhe gekommen.

Am meisten experimentiert hat Geta Brătescu mit der Form des Kreises. Die Regel des Kreises, die Regel des Spiels (1985), dreizehn Blätter dieses Zyklus sind in Hamburg zu sehen, im schwarzumrandeten Kreis begegnen sich die Farben und Formen in immer neuen Konstellationen. Joseph Albers und Max Bill hätten wohl zustimmend genickt. Aber Geta Brătescus Werk ist in seiner dezidiert offenen Eigenart mehr vom Spiel, vom ernsten Spiel, als von welcher Regel auch immer geprägt. Es folgt dem Faden der Arachne und nicht der Mathematik des Archimedes.

Ist es eine weibliche Kunst? Natürlich. Nur Männer arbeiten mit Blei.

Hamburger Kunsthalle bis zum 7. August 2016, der Katalog kostet 24,80 €