Manch ein Asylbewerber kann froh sein, dass das deutsche Asylrecht klüger ist als er. Es würde sonst womöglich ziemlich wutgeladen reagieren auf Leute, die angeblich vor Verfolgung fliehen und hier nichts Besseres zu tun haben, als andere zu verfolgen.

Die Organisationen Open Doors, Aktion für verfolgte Christen und Notleidende und die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte haben Anfang dieses Jahres Flüchtlinge christlichen Glaubens über Diskriminierungserfahrungen in deutschen Erstaufnahmeheimen befragt. Die Studie ist nicht repräsentativ, sie hatte vielmehr das Ziel, Schikanen aufzulisten. Trotzdem ist ihr Ergebnis bestürzend.

Von 231 christlichen Flüchtlingen, die ihre Erlebnisse schilderten, berichteten 204 von religiös motivierter Verfolgung durch muslimische Mitbewohner. Knapp die Hälfte beklagte sich (zugleich oder zusätzlich) über Verfolgung durch muslimisches Wachpersonal. "In der Unterkunft haben zwei meiner Freunde schon Todesdrohungen erhalten", berichtete laut dem Report ein christlicher Flüchtling aus dem Iran. "Ihnen wurden ihre Kreuzanhänger vom Hals gerissen. Keiner von uns traut sich mehr, ein Kreuz zu tragen." Ein anderer Heimbewohner sei wegen seiner Konversion zum Christentum "so massiv bedroht und von Koran-Gesängen rund um die Uhr beschallt worden, dass er versuchte, sich mit einer Rasierklinge das Leben zu nehmen". Danach befragt, welche Maßnahmen sie sich zu ihrem Schutz wünschten, antworteten die Betroffenen vor allem, sie wollten getrennt von Muslimen untergebracht werden.

Es gibt zwei schnelle Arten, auf solche Unerträglichkeiten zu reagieren. Da ist einmal der moralische Reflex. Er sagt: Wer hierzulande Schutz sucht, um dann selbst Minderheiten zu drangsalieren, ist an der falschen Adresse. Zum anderen gibt es die rechtliche Logik, die befiehlt: Asylrecht und Strafrecht sind grundsätzlich getrennte Welten, denn niemand, auch kein Krimineller, darf dorthin zurückgeschickt werden, wo ihm Folter oder Tod drohen. Beides ist zu kurz gedacht.

Sicher, auch Straftäter können Asylgründe haben. Andererseits sollte keiner, der andere Religionen verfemt und Andersgläubige unterdrückt, in Deutschland Asyl bekommen, ohne dass ihm zugleich die Grundlagen der freien Gesellschaft unmissverständlich klargemacht werden. Wenn der Integrationskurs dazu nicht reicht, muss es auch zur Willkommenskultur gehören, diese Werte mithilfe des Strafrechts durchzusetzen – und zwar auch unter erschwerten Ermittlungsbedingungen, wie sie in den vielsprachigen Eigenwelten von Flüchtlingsheimen und wegen der chronischen Überlastung von Polizisten oft herrschen mögen.Was im Bericht über die Einrichtungen geschildert wird, sind keine typischen Stress-Entladungen, sondern offenkundig systematische Erniedrigungen Andersgläubiger. Solche Taten betreffen nicht nur den Einzelnen. Sie sind ein Angriff auf den sozialen Frieden und auf die Toleranz, die grundlegend sind für diese Gesellschaft.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 21 vom 12.5.2016.

Die große Koalition hat die besonderen Gefahren von Straftaten, die auf strukturellem Hass gründen, nach den Morden der rechtsextremistischen NSU erkannt und das Strafgesetz verschärft. Seit vergangenem Jahr können Taten, die auf "rassistischen, fremdenfeindlichen oder sonstigen menschenverachtenden" Motiven gründen, härter geahndet werden.

Doch dieselbe Härte, die gegenüber Rassisten gilt, muss gegenüber Menschen gelten, die andere ihres Glaubens wegen für minderwertig erachten. Möglich wäre dies mit dem neuen hate crime- Paragrafen schon heute. Doch der Signalwirkung halber (nicht zuletzt die auf die Staatsanwaltschaften) sollte er explizit um das Merkmal der "religiösen" Beweggründe erweitert werden. Die Opfer von Hasskriminalität brauchen die Gewissheit, dass die Täter konsequent verfolgt werden; nur 20 Prozent der in der Studie Befragten sagten, sie hätten Anzeige erstattet. Die anderen hatten Angst, dass sie damit alles nur noch schlimmer machten. Das darf nicht sein.

Gerade wenn sich Deutschland als Einwanderungsland verstehen will, muss es sich an potenziell neuralgischen Punkten gegenüber Einwanderern klarer zu verstehen geben. Ihr, Kriegsflüchtlinge, seid willkommen. Aber eure Kriegsmotive lasst gefälligst draußen.