Der indische Industrielle und Politiker Vijay Mallya tat vor wenigen Wochen genau das, was so viele Reiche tun, wenn sie in Bedrängnis sind. Er packte seine sieben Sachen, flog nach London und zog sich auf seinen Landsitz "Ladywalk" in Hertfordshire zurück.

In seiner Heimat ist man auf Mallya gerade nicht gut zu sprechen. 1,2 Milliarden Dollar Schulden soll er mit der Pleite seiner Fluggesellschaft Kingfisher Airlines angehäuft haben. Die müsste er nun langsam mal zurückzahlen. Doch der "King of Good Times", wie der luxusverwöhnte Unternehmer in Indien genannt wird, denkt gar nicht daran. Und obwohl Großbritannien und Indien ein Auslieferungsabkommen für mögliche Straftäter vereinbart haben, ist zumindest eines in Großbritannien sicher: Mallyas Vermögen. Seine Immobilien werden in Großbritannien über Offshore-Gesellschaften gehalten. An die kommt keiner ran.

Der Fall Mallya ist in Großbritannien zu einem Politikum geworden. Ein Beweis dafür, dass die Regierung auch nach Veröffentlichung der Panama-Papiere Geldwäsche, Korruption und dubiose Geldanlagen längst nicht so hart verurteilt, wie sie das öffentlich erklärt. An diesem Donnerstag will Premierminister David Cameron einen Gipfel zur Bekämpfung von Korruption und Geldwäsche in London eröffnen. Und gern behauptet die Regierung von sich, an "vorderster Front" mit "radikalen Reformen" die Welt im Kampf gegen Korruption, Geldwäsche und Steuerhinterziehung anzuführen.

Während die Politik den Eindruck erweckt, Geschäfte mit Offshore-Zentren und verschleierten Trusts seien ein – durch die Panama-Papiere – entdecktes Übel, das ausgerottet werden müsse, ist die Realität eine andere.

Paul Austin stößt bei seinen Ermittlungen täglich auf das wahre Leben – in Form eines Dickichts von Offshore-Gesellschaften. Er ist Detektiv bei der Londoner Anwaltskanzlei Enyo Law. Die Kanzlei ist fast immer mit von der Partie, wenn es um viel Geld geht: zum Beispiel, wenn sich russische Oligarchen um ihre Milliarden streiten oder der libysche Staatsfonds Goldman Sachs auf eine Milliarde Dollar verklagt. Austins Job ist es, verstecktes Vermögen ausfindig zu machen – egal, wo auf der Welt. "Die Offshore-Plätze sind souveräne Hoheitsgebiete. Die kann man nicht zur Transparenz zwingen. Wenn die Politik das behauptet, ist es nur irreführend", meint Austin. Für ihn ist Facebook ergiebiger. Dort findet er zum Beispiel das Selfie einer naiven Tochter, die sich unbekümmert auf der geheimen Jacht ihres Vaters ablichtet. Dumm nur, dass auch der Name des Bootes zu sehen war und die Ermittler so auf die Spur brachte. "Die Leute haben ja alle diesen Trieb zur Selbstdarstellung", sagt Austin verächtlich, mit seinem dunkelblauen Anzug, exakt gescheiteltem Haar und feiner Brille.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 21 vom 12.5.2016.

"Großbritannien braucht ausländisches Kapital. Jeder soll sich hier niederlassen können, Geld reinbringen und so einfach wie möglich Geschäfte machten können", sagt Austin und führt vor, wie man im Internet in wenigen Minuten – ohne Nachweis der Identität – ein Unternehmen "gründen" kann. Dies kann man dann von einer Offshore-Gesellschaft "kaufen" lassen, und schon steht das anonyme Gebilde.

Und für die Offshore-Gesellschaften muss man nicht einmal ins Flugzeug steigen. Auf der britischen Website von "Formations House" kann man Briefkastenfirmen von zahlreichen Offshore-Zentren ordern, einschließlich Panama, der Jungferninseln, Delaware und Jersey. Es gibt sogar ein "Offshore Value Starter Pack" für umgerechnet 840 Euro. In Großbritannien werden solche Unternehmens-Agenturen nicht reguliert, unterliegen nicht der Aufsicht, es wird nicht einmal geprüft, ob sie sich an die Geldwäschevorschriften halten. "Da sind wir selbst in Jersey strenger", sagt John Harris, Chef der Finanzaufsicht auf der 150 Kilometer vor Großbritannien liegenden Kanalinsel. "Formations House ist so offshore, wie es überhaupt geht, und unsere Regierung scheint nicht in der Lage, das zu ändern", schimpfte der Guardian und beschrieb auf mehreren Seiten die illegalen Geschäfte einiger dieser Unternehmen.

Während die britische Regierung auf Gipfeltreffen Schlagzeilen gegen Geldwäsche macht, leiten sie tatsächlich andere Prinzipien. Bis vor einem Jahr erteilte Großbritannien jedem Ultrareichen ein Visum, solange er nur kräftig am britischen Kapitalmarkt investierte. Mehr als drei Milliarden Pfund sprudelten so ins Land. Es wurde nicht geprüft, woher das Geld kommt und ob gegen den Investor strafrechtlich etwas im Ausland vorlag. Von den mehr als 3000 "goldenen Visa" wurden 60 Prozent an "Investoren" aus China und Russland erteilt. Das Visa-System wurde erst letztes Jahr verschärft. Danach nahm die Zahl der Antragsteller drastisch ab.

Das heißt aber nicht, dass Großbritannien nicht sicherstellt, dass es auf anderen Wegen vom internationalen Fluchtkapital profitieren kann. Dazu gehört das enge Zusammenspiel mit seinen Offshore-Plätzen, den Kanalinseln Jersey, Guernsey, Isle of Man und seinen Überseeterritorien, den Jungferninseln, Cayman Islands und Gibraltar.